Wettbewerbe

Anonymität vs. Situierung

Jurystzung für ein dekoloniales Denkzeichen, Jurymitglieder Kristina Leko, Sylbee Kim, Mithu Melanie Sanyal, Gary Stewart, Maria Linares, Michael Küppers-Adebisi, Foto: Sedat Mehder

»Es ist von Gewicht, mit welchem Anliegen wir andere Anliegen denken. Es ist von Gewicht, mit welchen Erzählungen wir andere Erzählungen erzählen. Es ist von Gewicht, welche Knoten Knoten knoten, welche Gedanken Gedanken denken, welche Beschreibungen Beschreibungen beschreiben, welche Verbindungen Verbindungen verbinden. Es ist von Gewicht, welche Geschichten Welten machen und welche Welten Geschichten machen.«

Donna Haraway (Haraway 2018, 23)

María Linares, Bildende Künstlerin

International ausgeschriebene Kunst-am-Bau-Wettbewerbe kommen nicht so häufig vor. Über die erforderliche Finanzierung hinaus hängt das sicherlich von einer wichtigen Eigenschaft und einem gewichtigen Auswahlkriterium ab: Der Kontextbezogenheit. Gerade für den Wettbewerb zur Realisierung eines dekolonialen Denkzeichens war der Einbezug internationaler Erzählungen, Gedanken, Beschreibungen, Geschichten... absolut von Gewicht. Hier zählte in besonderem Maß die Perspektive der Betrachtung, Erzählung, Beschreibung...

Aus der Überzeugung heraus, dass die Art und Weise, wie wir etwas sehen, stark davon abhängig ist, wie wir dazu in Beziehung stehen, machte sich der kenianische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Ngũgĩ wa Thiong’o auf die „Suche nach Relevanz“ – wie er seine Suche nach einer „befreienden Perspektive“ in der afrikanischen Literatur nennt, die afrikanischen Menschen ermöglicht, sich in Bezug zu sich selbst und von dort aus zu anderen Menschen auf der Welt zu bestimmen. Ngũgĩ stellt fest, dass afrikanische Kinder und Jugendliche durch ihre Begegnung mit Literatur in kolonialen Schulen oder Universitäten die Welt so kennenlernen, wie sie aus einer europäischen Perspektive definiert und reflektiert werde, so dass ihre Weltsicht europäisch geprägt sei und Afrika nicht im Mittelpunkt stehe, sondern als Appendix oder Satellit, in der ‚Peripherie’ existiere. (Ngũgĩ 2017, 152-162)

Seine zentrale Frage lautet dann:

„Von welcher Grundlage aus betrachten wir die Welt?“ (Ngũgĩ 2017, 160)

Und konkret im Feld der Literatur:

„Wenn die Notwendigkeit für ein Studium der geschichtlichen Kontinuität einer einzelnen Kultur besteht, warum kann diese dann keine afrikanische sein? Warum kann nicht die afrikanische Literatur im Mittelpunkt stehen, damit wir andere Kulturen in ihrer Beziehung zu ihr betrachten können?“ (Ngũgĩ 2017, 155)

Ngũgĩ empört, dass lange nach der Unabhängigkeit kenianische und afrikanische Schüler*innen unkritisch fremden kulturellen Werten ausgesetzt werden, die nicht nur für ihre Bedürfnisse bedeutungslos sind, sondern obendrein das afrikanische kulturelle Erbe abwerten. Und das über die Literatur hinaus auch in allen anderen Kulturbereichen und Schullernfeldern.

Seine „Suche nach Relevanz“, veröffentlicht mit weiteren Essays in dem Band Dekolonialisierung des Denkens, ist ein Plädoyer für nationale oder regionale Befreiung als Voraussetzung für eine echte internationale und demokratische Gleichheit der Menschen, die Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden mit sich bringt. (Ngũgĩ 2017, 170-174)

Ngũgĩs Überlegungen und Aufforderungen sind definitiv nicht nur für den afrikanischen Kontinent relevant und auch nicht nur in den Literaturwissenschaften, wie er selbst vermerkt. Sie genießen eine  eminente Gültigkeit in allen ehemaligen Kolonien, in denen sich ‚Interner Kolonialismus’ weiter festsetzt.

In der ersten Phase des Weltweit offenen, anonymen, zweiphasigen Wettbewerbs wurden wir als Jury einerseits mit der Frage konfrontiert, ob wir unser eigenes Kunstverständnis dekolonisieren können und Ngũgĩs Apell mit unserer Expertise in diesem konkreten Verfahren zur Auswahl eines ‚dekolonialen’ Denkzeichens folgen können, andererseits mit einer großen Anzahl von Einreichungen, die sich, wie noch gezeigt werden soll, als Ausdruck eines internen Kolonialismus‘ entpuppten. Mit ‚wir’ sind sind die hochkarätige international besetzte Jury und die Sachverständigen wie Gäste gemeint.
Die Wettbewerbsarbeiten der ersten Ideenphase waren bis zum 13. August 2023 digital einzureichen. Von den insgesamt 273 Einreichungen wurden 244 Entwürfe von der Vorprüfung geprüft und zum Wettbewerb zugelassen. Die restlichen 29 Einreichungen wurden entweder zu spät oder unvollständig übermittelt und deswegen nicht zugelassen. Am 16. und 17. September 2023 tagte die Jury zum ersten Mal.

Eine der großen Schwierigkeiten im Auswahlverfahren war es, durch Kolonialismus entstandenen strukturellen Benachteiligungen entgegenzuwirken, die sich in der Kunst wie in jeder Sphäre unserer Gesellschaft widerspiegeln. So beschloss die Jury einstimmig, den Kontinent der Einreichenden von der Vorprüfung zu erfahren, um eine ausbalancierte Auswahl zu gewährleisten, und dass von den für die zweite Phase ausgewählten Entwürfen ca. 30 Prozent aus dem Globalen Süden kommen sollten. Es wurde aber auch explizit darauf geachtet, dass die Diaspora in Europa und Nordamerika durch eine höhere Prozentzahl nicht benachteiligt wird.

Ich habe den Begriff ‚Interner Kolonialismus’, der weltweit Verwendung findet und strukturelle politische und ökonomische Ungleichheiten innerhalb eines Staates/einer ehemaligen Kolonie anspricht, durch die bolivianische Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui kennengelernt. Er bezieht sich konkret auf das Erkennungsmerkmal der internalisierten Unterwerfung kolonisierter Bevölkerungen unter die Hegemonie des Eurozentrismus und die nachahmende Wiederholung eurozentrischer Muster. Black, Indigenous and People of Color (BIPoC) wurde ab dem 16. Jahrhundert erst in den amerikanischen Kolonien und dann weltweit von den europäischen Kolonisatoren aufgezwungen, eine fremde Kultur zu imitieren und sich sogar für die eigene Kultur zu schämen, so dass in den Kolonien Macht- und Herrschaftsverhältnisse in einer verinnerlichten Form auch heute noch fortgesetzt werden. Wie im Kolonialismus im Allgemeinen wird im ‚internen Kolonialismus’ die Rechtfertigung für ungleiche Macht- und Herrschaftsverhältnisse mit rassistischen Argumenten untermauert.

Der ‚Interne Kolonialismus’ hat viele verschiedene Gesichter oder Ausdrucksformen, die ihn unsichtbar machen. Silvia Rivera Cusicanqui spricht beispielsweise darüber, wie der heuchlerische Diskurs des Multikulturalismus in ehemaligen Kolonien dazu beiträgt, die Hegemonie der (weißen) Eliten durch- bzw. fortzusetzen, indem z.B. legale Cocablätter-Märkte einheimischer Bevölkerungen, die mit der Benennung ‚Ursprungsvolk’ ohnehin ausgeschlossen werden, illegalisiert und durch Zwangshabholzung vernichtet werden. „Bereits seit langer Zeit beschäftigt sich meine Arbeit mit der Idee, dass wir es in der Gegenwart unserer Länder mit einem Fall von anhaltendem internen Kolonialismus zu tun haben“, schreibt Rivera Cusicanqui. Im ‚Internen Kolonialismus’ bekommen Worte eine besondere Rolle, sagt sie, denn sie seien nicht da, um etwas zu benennen, sondern um etwas zu verschleiern – wie beispielsweise die Rede von Gleichberechtigung, wenn einem Großteil der Bevölkerung als ‚Ursprungsvolk’ seine Rechte vorenthalten werden. (Rivera Cusicanqui 2018, 82, 42)

Von den 244 Entwürfen, die uns die Vorprüfung am 16. September minutiös vorstellte, zeugten viele von einem unreflektierten internen Kolonialismus, in dem Reviktimisierungsdarstellungen unsere eigenen Bemühungen, koloniale Kontinuitäten im Kunstverständnis zu hinterfragen, im Wege standen und uns im Preisgericht die Aufgabe noch schwerer machten. Ein Jurymitglied kommentierte, keine Ketten bzw. Darstellungen von versklavten Menschen mehr sehen zu können. Ich selber konnte keine Mercator-Weltkarte mehr ertragen – mit dem Anspruch, die „ganze Welt“ zu inkludieren, wird mit dieser Darstellung eine tiefgreifende Form des Eurozentrismus des 16. Jahrhunderts reproduziert.
Und auf einmal standen wir nach einer zweiten Wertungsrunde mit nur dreizehn ausgewählten Entwürfen da, obwohl es das Ziel der ersten Ideenphase gewesen war, bis zu 20 Entwürfe und vier Nachrücker*innen, also 24 Entwürfe insgesamt, für die zweite Wettbewerbsphase auszuwählen.

Natürlich hätte die Jury sich für lediglich dreizehn Entwürfe aussprechen können, doch wir waren uns dessen bewusst, dass Kunst am Bau als eine Förderungsmaßnahme für Künstlerinnen entstanden ist und auch heute als solche fungieren sollte, so dass Rückholungsanträge gestellt und eine weitere Wertungsrunde angesetzt werden mussten, um bis zu 20 Künstlerinnen oder Künstlerinnengruppen und vier Nachrückerinnen die Möglichkeit einer Beteiligung an der zweiten Wettbewerbsphase zu ermöglichen.

Am 27. Januar 2024 trat die Jury für die zweite Phase des Wettbewerbs zusammen. Die Ereignisse, die in Deutschland und weltweit seit der ersten Sitzung im September 2023 zu beobachten waren, hatten die Dringlichkeit des Wettbewerbs in der Zwischenzeit verschärft.
In dieser zweiten Phase stand eine Ausarbeitung der ursprünglichen Idee im Fokus, so dass es die künstlerische Qualität des Entwurfs im Zusammenhang mit ihrer Umsetzbarkeit und der Erfüllung aller technischen Vorgaben zu beurteilen galt.
Besonders glücklich war in dieser Hinsicht die Entwicklung der Entwürfe. Waren viele von ihnen in der ersten Phase nur eine utopische Idee, so stellten sie sich in der zweiten Phase unglaublich gut ausgearbeitet im Sinne ihrer Machbarkeit dar.

Die Herausforderungen für das Preisgericht blieben in der zweiten Phase trotzdem extrem anspruchsvoll. War die erste Phase des Wettbewerbs von Fragen nach Dekolonisierung unseres Kunstverständnisses und internem Kolonialismus geprägt, so verlangte die Sitzung in der zweiten Phase einen Spagat zwischen der in Wettbewerben geltenden Anonymitätspflicht und dem Bedürfnis nach Situierung, um die einzelnen Entwürfe besser be-greifen zu können. 2024 können wir die Relevanz der Situierung in der Kunstproduktion nicht mehr außer Acht lassen, gerade weil, wie anfangs erwähnt, gilt: „Wie wir etwas sehen – selbst mit unseren eigenen Augen – hängt sehr davon ab, wie wir dazu in Beziehung stehen.“ (Ngũgĩ 2017, 153)

Gleich im ersten Kapitel von Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chtuluzän erzählt Donna Haraway, sie habe von der Sozial- und Kulturanthropologin Marilyn Strathern in The Gender of the Gift (Das Geschlecht der Gabe, eine Studie basierend auf ethnografischer Forschung im Hochland von Papua-Neuguinea) gelernt, dass es »von Gewicht ist, mit welchen Ideen wir Ideen denken«. (Haraway 2018, 23)
Donna Haraway führt den Gedanken weiter: es geht nicht nur um die Ideen, die Ideen denken, sondern um Anliegen, Erzählungen, Gedanken, Beschreibungen, Verbindungen, Geschichten...
Die Bewertung von zwanzig Entwürfen in der zweiten Phase (in der ersten Phase 244!), in denen es explizit um Dekolonisierung ging, blieb ohne Kenntnisse über ihre Situierung extrem herausfordernd.

Trotz allem gestaltete sich die Teilnahme an der Jurysitzung in den beiden Phasen sehr spannend und unglaublich angenehm, zum einen dank der guten Vorprüfung und des intensiven Austauschs im genannten Expert*innenkreis, zum anderen durch die großartige Begleitung des Teams von Berlin Global Village. Dabei möchte ich – à propos meiner eigenen Situierung – auf eine ganz persönliche Erfahrung eingehen, die mich an diesen Tagen sehr erfreute: Das Catering erinnerte mich an Kindheitsessen… ich fühlte mich einfach „zu Hause“.[1] Frittierte Kochbananen, Maniok, Bohnen… sogar eine in Bananenblätter eingewickelte Kichererbsen-Gemüsefüllung, die intensiv nach den kolumbianischen Tamales meiner Kindheit schmeckte. Als ich die Köchin fragte, woher diese Gerichte kämen, verwies sie mich auf Gambia. Dabei hätten sie auch von der karibischen Küste stammen können – dachte ich mir. Es gibt als Folge des transatlantischen Handels versklavter Menschen erstaunliche Verbindungen innerhalb des Globalen Südens.

[1] Das Wort „Heimat“ vermeide ich bewusst, weil es regelmäßig von konservativen und rechtsextremen Positionen zur Verbreitung eines geschlossenen, homogenen und statischen Kulturverständnisses benutzt wird, dem es entgegenzuwirken gilt.

Literaturverzeichnis

Haraway, Donna J. 2018. Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Frankfurt / New York: Campus Verlag.

Ngũgĩ, wa Thiong’o. 2017 (1986). Dekolonisierung des Denkens: Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur. Münster: UNRAST Verlag.

Rivera Cusicanqui, Silvia. 2018. Ch’ixinakax utxiwa. Eine Reflexion über Praktiken und Diskurse der Dekolonisierung. Hg. von Sebastian Garbe, María Cárdenas, und Andrea Sempértegui. Münster: UNRAST Verlag.

Realisierung eines dekolonialen Denkzeichens im Außenraum von Berlin Global Village, Am Sudhaus 2, 12053 Berlin Neukölln