Kunst und Gedenken

Botschaft versus Denkraum

Betina Kuntzsch, Vom Sockel denken, 2021, Fünf Sockelbänke aus rotem Beton, 10 Kurzfilme, © Galerie Pankow, Foto: Leyendecker

Möglichkeiten und Grenzen der künstlerischen Kommentierung des Ernst-Thälmann-Denkmals

Annette Tietz

Es gibt in Berlin eine Vielzahl politisch konnotierter Denkmäler, die ihrerzeit im Staatsauftrag errichtet wurden, heute jedoch einer aktuellen Bedeutung beraubt sind. Der österreichische Schriftsteller Robert Musil hat in einer oft zitierten Glosse dazu bemerkt: „Das Auffallendste an Denkmälern ist, dass man sie nicht bemerkt. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar ist wie Denkmäler“. Sofern deren Bedeutung nicht mit Ritualen erinnert wird, geraten diese in der Regel erst im Zusammenhang mit politischen Veränderungen ins Blickfeld der öffentlichen Wahrnehmung.

Eröffnung am Thälmann Denkmal, Betina Kuntzsch, Vom Sockel denken, 2021 Foto: Katinka Theis

Dies kann man vom Ernst-Thälmann-Denkmal in Prenzlauer Berg wahrlich nicht behaupten. Kein politisches Denkmal in Berlin hat bis heute ansatzweise so viel und vor allem konträre Reaktionen zwischen vehementer Ablehnung und kultischer Verehrung hervorgerufen.

1986 im Auftrag der DDR-Regierung anlässlich des 100. Geburtstages des von den Nationalsozialisten 1944 ermordeten, bis 1933 letzten KPD-Vorsitzenden realisiert, markierte es schon zu seiner Fertigstellung den Anachronismus eines untergehenden Staates, dessen Ideologie mit dem Lebensalltag der Bevölkerung längst nicht mehr vereinbar war. Die Beauftragung des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel (1917-2003) mit der Realisierung des Denkmals ebenso wie der Abriss der Gasometer haben seinerzeit zu erheblichen Protesten geführt. Mit der friedlichen Revolution 1989 rückte das Denkmal erneut in den Fokus öffentlicher Auseinandersetzung, als die Kommission zum Umgang mit politischen Denkmälern Ost-Berlins 1993 aus ideologischen Gründen den Abriss des Denkmals empfahl. Bekanntlich scheiterte dies an Kosten und Aufwand. Lediglich die bronzenen Schrifttafeln – die sogenannten Wächtersteine – wurden 1990 abgebaut und sind heute Teil der Ausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ in der Spandauer Zitadelle. Danach versank das Denkmal in einen Dornröschenschlaf und wurde lediglich als begehrtes Objekt der Graffiti-Szene oder aber des Freundeskreises „Ernst Thälmann“, der jedes Jahr zum Geburtstag von Thälmann das Denkmal reinigt, zur Kenntnis genommen.

Betina Kuntzsch, Vom Sockel denken, 2021, Vorbereitungen für die temporäre Installation aus fünf Sockelbänken aus rotem Beton und 10 Kurzfilmen mit Perspektiven auf das Thälmann Denkmal über QR-Code abrufbar.
Fotos: Betina Kuntzsch

2013 forderten die Jungen Liberalen den Abriss des Denkmals, private Investoren entdeckten die Freiflächen der Siedlung als Ort für lukrative Investments. Im gleichen Jahr beschloss die BVV Pankow, dass das Denkmal historisch-kritisch kommentiert werden soll. 2014 wurde der umliegende Ernst-Thälmann-Park einschließlich des Denkmals unter Denkmalschutz gestellt. Seitdem tobt eine Debatte – insbesondere im Bezirk Pankow – um und über das Ernst-Thälmann-Denkmal.

Mit der Vorbereitung eines – einschließlich des öffentlichen Kolloquiums 2018 – deutschlandweiten, zweiphasigen offenen Kunstwettbewerbes 2019–2020 sowie der anschließenden Realisierung des künstlerischen Entwurfes von Betina Kuntzsch im November 2021 konnte den Auseinandersetzungen um das Denkmal eine Struktur und ein fachlicher sowie inhaltlicher Rahmen gegeben werden. Dazu gehört zum einen die Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen, die im Kontext dieses Denkmals eine Rolle spielen. Zu den wesentlichen Aspekten einer kritischen Auseinandersetzung zählen dabei etwa die Entstehungsgeschichte des Denkmals, seine Bedeutung als Symbol des politischen Selbstverständnisses der DDR, der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR am Beispiel der beginnenden Diskussionen in den 1990er-Jahren, die Person Ernst Thälmann und seine Darstellung in der Kunst der DDR, die kunsthistorische Einordnung des Denkmals und seine perspektivische Nutzung. Diese verschiedenen inhaltlichen Ebenen, die einander überlagern, bilden die Komplexität der Problematik und das Potential für deren kritische Reflexion ab.

Insbesondere eine künstlerische Kommentierung bot hier die Möglichkeit, Fragen aufzuwerfen, zu irritieren und zur Diskussion anzuregen. Gerade aktuelle Kunst arbeitet oft mit dokumentarischem Material; Analyse und Ideologiekritik sind vielfach Bestandteile künstlerischer Konzepte. Aufgabe der Kunst ist es jedoch nicht, den gesamten Bezugsrahmen eines Ortes oder eines Geschehens auf wissenschaftlich hohem Niveau auszuloten und darzustellen. Künstler:innen wählen vielmehr einen Aspekt des Geschehens aus, der ihnen besonders wichtig erscheint, und bearbeiten und vertiefen diesen mit ihren eigenen Mitteln, um Denkanstöße zu geben, Fragen zu stellen und ein Zeichen zu setzen.

Die Arbeit „Vom Sockel denken“ von Betina Kuntzsch zeichnet sich durch eine große thematische Bandbreite aus und reicht von der Geschichte des Areals, über den umstrittenen Abriss der Gasometer und alternative Nutzungsformen bis zur Denkmalsetzung 1986, von der historischen Person Ernst Thälmann bis zu seiner Rolle als Kultfigur in der DDR. Mit ihrem individuell-assoziativen und alltagsgeschichtlichen Zugang zu den Themen ist der Künstlerin eine überzeugende künstlerisch-filmische Durchdringung der Themen gelungen, die wesentliche Elemente der erwarteten Auseinandersetzung mit dem historischen Gegenstand, dem Park, dem Wohngebiet, dem Denkmal und den zeitgeschichtlichen Hintergründen beinhaltet.

In den Debatten auf politischer Ebene im Bezirk wurde allerdings auch schnell klar, dass mit der Kommentierung Erwartungen verbunden waren, die Kunst nicht leisten kann – und welche die politischen Auseinandersetzungen auch niemals ersetzen, sondern bestenfalls einen Rahmen oder Anstoß dafür liefern kann.

Überraschend an den politischen Debatten war, dass diese mit großer Vehemenz geführt wurden und werden und dass diese nach wie vor große mediale Aufmerksamkeit erregen. Konträre politische Positionen und Überzeugungen im Hinblick auf die Person als auch die politische Rolle Ernst Thälmanns prallen unversöhnlich aufeinander und führen einen Kampf um die Deutungshoheit jüngster deutscher Geschichte.

Erstaunlich ist dieser Umstand bei näherer Betrachtung wiederum nicht, ist doch die persönliche Betroffenheit oder Involviertheit in diese jüngste deutsche Geschichte aufgrund der Biografien, der Familiengeschichte oder der Sozialisation der Akteur:innen nach wie vor gegeben. Da es sich eben nicht um ein abgeschlossenes Kapitel im kollektiven Gedächtnis handelt, changiert die Debatte nach wie vor zwischen Zuspruch und Ablehnung und verweist auf eigene Erinnerungen ebenso wie auf Verletzungen und Traumata.

Objektive oder befriedende Antworten auf damit aufkommende Fragen kann die Kunst nicht liefern. Die Arbeit „Vom Sockel denken“ von Betina Kuntzsch öffnet jedoch insbesondere mit den Filmessays einen Denkraum, der jedem, der sich darauf einlässt, einen sinnlichen, assoziativen Zugang ermöglicht.