Kunst und Gedenken

Bronze die atmet

The Lockward Collective, Earth Nest, 2024, Dekoloniales Denkzeichen, Foto: Katinka Theis

Wie lassen sich künstlerische Gestaltung, kollektives Gedenken und gesellschaftliche Auseinandersetzung so verbinden, dass Erinnerung nicht musealisiert, sondern als alltägliche, gemeinschaftliche Praxis erfahrbar wird?

Jeanne Nzakizabandi (Programmreferentin Berlin Global Village)
und Armin Massing (Geschäftsführer Berlin Global Village)

Das EarthNest als lebendiges Denkzeichen

Das EarthNest, ein Dekoloniales Denkzeichen zwischen den beiden Gebäuden des Berlin Global Village, ist das erste Erinnerungszeichen dieser Art in Berlin. Es markiert einen Bruch mit der Tradition klassischer Denkmäler, die häufig auf Monumentalität setzen und Vergangenheit in Stein oder Bronze festschreiben. Stattdessen versteht sich das EarthNest als lebendiger Erinnerungsort: offen, dialogisch und mit dem Anspruch, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verbinden.
Die Realisierung und der Entstehungsprozess des EarthNest war von einer Vielzahl komplexer Fragestellungen geprägt. Wie lassen sich künstlerische Gestaltung, kollektives Gedenken und gesellschaftlicheAuseinandersetzung so verbinden, dass Erinnerung nicht musealisiert, sondern als alltägliche, gemeinschaftliche Praxis erfahrbar wird? Welche Formen von Vermittlungs-und Bildungsprogrammen sind notwendig,um die Komplexität kolonialer Geschichte aufzugreifen, ohne sie zu simplifizieren – und zugleich Räume zu schaffen, die für unterschiedliche Communities zugänglich und relevant sind? Kurz: Was bedeutet es, eine lebendige Praxis des Erinnerns zu verfolgen?

Einweihung des Dekolonialen Denkzeichens Earth Nest von The Lockward Collectives, Foto: Britta Schubert

An Kolonialismus erinnern – aber wie?
Deutschlands koloniale Vergangenheit war über Jahrzehnte hinweg kaum Teil der offiziellen Erinnerungskultur. Erst in den letzten Jahren wurde auf das Drängen und Engagement migrantischer und diasporischer Organisationen, Initiativen und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen reagiert. Ihre Forderung: Blinde Flecken der deutschen und europäischen Geschichte konsequent offenzulegen und die bis heute spürbaren Verflechtungen von Kolonialismus, Rassismus und globaler Ungleichheit sichtbar zu machen.
In diesen von Grassroots-Organisationen geprägten Diskursen und Kämpfen ist auch die Idee eines Dekolonialen Denkzeichens zu verorten. Das Berlin Global Village, ein Eine-Welt-Zentrum in Neukölln, in dem über 50 entwicklungspolitische und migrantisch-diasporische Organisationen arbeiten und wirken, bot dafür den idealen Standort. Hier prägen Fragen von Dekolonialität, sozialer Gerechtigkeit und globaler Solidarität den Alltag. Von Beginn an wurde jedoch betont, dass dieses Denkzeichen keinen zentralen Gedenkort ersetzen kann, wie er seit Langem für Berlin gefordert wird – analog zum Holocaust-Mahnmal und den anderen vom Bund finanzierten Erinnerungsorten in der Mitte der Stadt. Das EarthNest ist vielmehr ein erster, wichtiger Schritt dorthin und zugleich dezentraler Baustein für eine dekoloniale Erinnerungskultur im öffentlichen Raum in Berlin.
Nach vier Jahren intensiver Projekt- und Mittelakquise konnte das Vorhaben schließlich umgesetzt werden. Ein internationaler Kunstwettbewerb wurde 2023 ausgeschrieben, an dem sich Künstler*innen und Kollektive aus aller Welt beteiligten. 244 Einreichungen zeugten von einer beeindruckenden Bandbreite an Ideen und Ästhetiken, die auf je eigene Weise dekoloniale Perspektiven visualisierten – von skulpturalen Arbeiten über medienkünstlerische Ansätze bis hin zu performativen Konzepten. Eine internationale, hochkarätig besetzte Jury hatte die anspruchsvolle Aufgabe, aus dieser Fülle zunächst 20 Entwürfe auszuwählen und die Künstler*innen einzuladen, ihre Konzepte weiter auszuführen. Dabei ging es nicht allein um die Frage der finanziellen Realisierbarkeit, sondern ebenso um die räumliche Einbettung in den spezifischen Kontext des Berlin Global Village. Aus diesem anonymen, zweiphasigen weltweit ausgeschriebenen Kunstwettbewerb ging letztlich The Lockward Collective, bestehend aus Jeannette Ehlers und patricia kaersenhout und dem Berater Rolando Vázquez, als Gewinner*innen hervor. Ihr Entwurf „EarthNest“ wurde im November 2024 feierlich eröffnet.

Rituelle Übergabe im Rahmen der Einweihung des Earth Nest. 14.12.25, Credit: Berlin Global Village I Sedat Mehder

Ein geteiltes Nest – Zum Verweilen, Erinnern und Trauern
Die skulpturale Form des EarthNest ist inspiriert von der westafrikanischen Musgum-Architektur; zugleich erinnert die geflochtene Struktur an den schützenden Raum eines Mutterleibs. Damit verbindet die Skulptur Elemente von Fürsorge, Gemeinschaft und Geborgenheit und bleibt zugleich offen und fragil. Sie ist kein abgeschlossener Ort, sondern eine Einladung zum Dialog und zur Begegnung. Im unteren Bereich des Werks befinden sich zwölf eigens angefertigte Keramikgefäße, die in einem fortlaufenden Prozess mit Erden aus ehemaligen deutschen sowie weiteren europäischen Kolonien gefüllt werden. Abends werden die Gefäße von einem warmen, violetten Licht erleuchtet, das ein lebendiges Schattenspiel an die Fassaden der beiden Gebäude des Berlin Global Village wirft. Auf diese Weise wird die Wandelbarkeit und Offenheit des Denkzeichens betont. Im Zentrum des EarthNest stehen damit Praktiken des Heilens. Es versteht sich als gemeinschaftlicher Tempel, der Communities zusammenführt und neue Formen des Gedenkens erprobt. Erinnerung wird hier nicht als statisches Monument verstanden, sondern als gelebte, prozesshafte Praxis – kritisch, kollektiv und offen für Veränderung. Mit dem EarthNest ist also nicht „nur“ ein Kunstwerk im öffentlichen Raum entstanden, sondern zugleich ein starkes Signal: Erinnerungskultur kann dekolonial, vielstimmig und partizipativ sein. Und sie ist kein Luxus, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil einer gerechten und solidarischen Zukunft.

Erdgeschichten & Erinnern im globalen Kontext
Ein zentrales Element des EarthNest sind die sogenannten Erdgeschichten. Die künstlerische Konzeption sieht vor, dass Menschen aus afrikanischen und afro-diasporischen Kontexten auch künftig eingeladen sind, Erde und die damit verbundenen Geschichten in die im unteren Bereich des Denkzeichens verankerten Gefäße einzubringen. Durch das symbolische Vermischen dieser Erden entstehen neue Verbindungen, die koloniale Kategorisierungen bewusst durchkreuzen. Im Februar dieses Jahres fand eine feierliche Zeremonie statt, in deren Rahmen weitere Erden und Geschichten in das EarthNest eingefügt wurden. Der Verein „Anton Wilhelm Amo Erbschaft“ brachte Erde vom Grab des Philosophen Anton Wilhelm Amo in Ghana sowie von der senegalesischen Insel Gorée mit. Beide Orte sind von hoher Symbolkraft: Amo gilt als erster bekannter Philosoph afrikanischer Herkunft in Deutschland, der im 18. Jahrhundert an den Universitäten Wittenberg, Halle und Jena lehrte – ein Leben, das von intellektueller Brillanz, aber auch von Diskriminierung geprägt war. Gorée wiederum wurde mit dem dort liegenden Maison d`Esclaves zum Erinnerungsort für den transatlantischen Sklavenhandel.
Die Zeremonie machte deutlich, worum es bei den Erdgeschichten geht: ein kollektives Erinnern, das Würdigung und Trauer verbindet. Teilnehmende versammelten sich im Kreis um das EarthNest, gaben die Gefäße mit Erde reihum weiter und verweilten in Stille. Ein Moment des Schweigens, des Trauerns und des Erdens. Es ist eine sinnliche Zeremonie und lässt eine symbolische Topografie entstehen, die koloniale Grenzziehungen und Hierarchien unterläuft – und an ihre Stelle Verbundenheit, Fürsorge und Solidarität setzt.

Das Dekoloniale Denkzeichen Earth Nest von The Lockward Collectives, Foto: Katinka Theis

Zu einem weiteren Moment der Aktivierung des EathNest kam es im Juni diesen Jahres. Im Rahmen des DAAD-Austauschprogramms MuseumsLab, das europäische und afrikanische Museumsmacher*innen zusammenbringt, fand ein ganztägiger Workshop zum EarthNest im Berlin Global Village statt. Im Zentrum stand die Frage, wie das Denkzeichen weiterhin dabei helfen kann, Erinnerung wachzuhalten. Schon in den ersten Eindrücken wurde deutlich: Das Projekt wirft viele Fragen auf. Wer genau ist die Zielgruppe? Welche Öffentlichkeit soll erreicht werden? Und wie können die unterschiedlichen Traditionen und Materialien, aus denen sich das EarthNest zusammensetzt, miteinander verbunden und vermittelt werden? Der Workshop bot die Gelegenheit, Themen wie Erinnern, Heilung und Gemeinschaft im globalen Kontext neu zu beleuchten. Dabei entstand ein breites Spektrum an Impulsen – von Ideen zur stärkeren Einbindung von Communities bis hin zu Überlegungen zu künftigen Vermittlungsformaten.

Projektleitung Angelina Jellesen bei einer Ausstellungsführungzum Dekolonialen Denkzeichen. 27.06.2025, Credit: BerlinGlobal Village I Eno Inyangete

Ausblick: Geschichten neu verweben
Nicht nur der Entstehungsprozess des Denkzeichens war durchzogen von der Frage, was ein lebendiges Erinnern im heutigen Berlin bedeutet – das EarthNest tut es noch immer. Die Einweihung ist daher keineswegs als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt zu verstehen: ein Marker im Stadtraum, der Erinnerung wachhält und dabei nicht versteinert. Gerade darin liegt die dekoloniale Qualität dieses Denkzeichens. Dekoloniales Erinnern bedeutet, koloniale Narrative nicht nur kritisch zu hinterfragen, sondern auch ihre fortwirkenden Strukturen und Logiken zu erkennen und zu unterlaufen. Es heißt, die Stimmen derer in den Mittelpunkt zu rücken, die in traditionellen Erinnerungskulturen unsichtbar blieben. Und es bedeutet, Erinnerung nicht als nationale Selbstvergewisserung zu betreiben, sondern als transnationalen, vielstimmigen sozialen Prozess.
Diesem Anspruch gerecht zu werden ist ein wichtiger Aspekt der Programmarbeit des Berlin Global Village. Dabei ist das Eine-Welt-Zentrum nicht nur räumlicher Standort, sondern aktiver Resonanzraum. Die besondere Kraft des EarthNest liegt in der Vielfalt seiner Mitwirkenden: von den Spaceholdern im Haus bis hin zu den zahlreichen externen Partner*innen. Zivilgesellschaftliche Initiativen, künstlerische Kollektive, Bildungseinrichtungen sowie Communities aus afrikanischen und afro-diasporischen Kontexten prägen und beleben das EarthNest gleichermaßen. Das Denkzeichen gewinnt seine Bedeutung nicht allein durch seine skulpturale Präsenz, sondern durch die fortlaufenden Beiträge, die es verwandeln und erweitern: mit jeder neuen Erdgeschichte, jeder Vermittlungsveranstaltung, jedem Ritual konstituiert es sich immer wieder neu.