Internationales

Das Mosaik als Symbol gemeinsamen Handelns

Neo Ramushu, Mosaik, in Zusammenarbeit mit Spaza Art

Öffentliche Kunst nach der Apartheid in Südafrika

Hauke Zießler

Südafrika gilt bis heute als Sinnbild für einen schwierigen, aber bemerkenswerten Weg von Unterdrückung zu Versöhnung. Der Übergang von der Apartheid zu einer demokratischen Gesellschaft wurde weltweit für den Prozess der Wahrheit und Versöhnung („Truth and Reconcilitation“) gepriesen – als Symbol für Toleranz, Heilung und den Versuch, aus tiefer gesellschaftlicher Spaltung eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Während der Apartheid war die Bevölkerungsmehrheit systematisch entrechtet: vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen, von Führungspositionen ferngehalten und in ihrer künstlerischen Ausdruckskraft massiv eingeschränkt. Kritik wurde brutal unterdrückt, Widerstand im Keim erstickt, viele Aktivist*innen inhaftiert. Veränderung kam nicht durch einen inneren Wandel der rassistischen Ideologie, sondern durch internationalen Druck, wirtschaftlichen Niedergang und unermüdlichen Widerstand im Inneren. 1994 schließlich markierte die Wahl Nelson Mandelas das Ende des Regimes. Kunst und Sport wurden zu den „Vuvuzelas“ des African National Congress, den Mandela anführte. Sie dienten als starke Symbole politischer Einheit, sollten ein kollektives „Wir“-Gefühl verkörpern und Orte tiefer Traumata neu deuten.

Constitution Hill im Herzen von Johannesburg ist ein eindrucksvolles Beispiel. Das einst berüchtigte Apartheid-Gefängnis, in dem Persönlichkeiten wie Nelson Mandela und Mahatma Gandhi inhaftiert waren, wurde zum Sitz des südafrikanischen Verfassungsgerichts umgebaut. Das auf den Überresten des Gefängnisses errichtete Gerichtsgebäude ist reich an Symbolik der Menschenrechte und Versöhnung. Die Kunstsammlung des Gerichts, die 1994 von den ersten elf Richterinnen ins Leben gerufen wurde, umfasst heute mehr als 800 Werke, überwiegend von südafrikanischen Künstlerinnen. Constitution Hill ist damit nicht nur Sitz des Verfassungsgerichts, sondern zugleich ein kultureller Raum – ein Ort für Veranstaltungen und öffentliche Kunst.

Gerhard Marx, Vertical Aerial, Johannesburg, 2013,Foto Leon Krige

Doch wie hat sich die Kunst im öffentlichen Raum seitdem entwickelt? Wer finanziert sie, wer wird sichtbar und welche Kunstformen haben sich durchgesetzt? David Koloane, ein schwarzer südafrikanischer Maler, schrieb ausführlich über die Position schwarzer Künstlerinnen nach der Apartheid und ihre gesellschaftliche Rolle. Er betont, dass „trotz des Wunders der neuen Ordnung – Nelson Mandelas nationalem Wiederaufbau und der Wahrheits- und Versöhnungskommission“ – ethnische Spaltung und immense Ungleichheiten im Kunstsektor Südafrikas“ fortbestünden (S. 119). Bis heute werden Galerien und öffentliche Kunstförderung stark von weißen Südafrikanerinnen oder internationalen Institutionen wie dem Goethe-Institut geprägt. Kunst von schwarzen Künstler*innen aus ländlichen Gebieten, ohne formale Ausbildung abwertend als „Township-Kunst“ kategorisiert. Dahinter stehen strukturelle Ursachen: die anhaltende wirtschaftliche Kluft zwischen den Ethnien, der ungleiche Zugang zu Kunstausbildung, Mangel an Zugang zu grundlegenden Materialien, neokoloniale Einflussnahmen ausländischer Kunstförderung und rassistische Klischees.

Mosaikkunst verbindet diese Kämpfe miteinander und steht exemplarisch für die Komplexität der Kunstpraxis in einem Land, das noch immer unter seiner Apartheid-Vergangenheit leidet und zugleich mit aktuellen politischen Schwierigkeiten ringt. Der Künstler Neo Ramushu, der sich landesweit für die Entwicklung öffentlicher Kunstprojekte engagiert und mit Mosaiken arbeitet, beschreibt: „In Johannesburg, Südafrika – der „Stadt des Goldes“ – zog der Goldrausch Menschen aus aller Welt an. Sie brachten ihr Wissen über Architektur, Kunst und Materialien mit, die Infrastruktur und Baustil prägten, oft als Ausdruck ihrer kulturellen Identität.“ Mosaik war eine dieser Ausdrucksformen. Die Kolonisten brachten sie nach Südafrika. Trotz dieser Hintergründe „spielt Mosaik bis heute eine große Rolle in der öffentlichen Kunst Südafrikas“.

Neo Ramushu, Mosaik, in Zussammenarbeit mit der Universität Witwaterstrand

Neo ist ein abstrakter Künstler, der mit verschiedenen Materialien arbeitet, insbesondere aus dem Bergbau, um über die rassistische Geschichte der Rohstoffindustrie, aktuelle Arbeiter*innenrechte und sein eigenes, in dieser Region verwurzeltes Erbe zu thematisieren. Mosaik ist nicht sein primäres Medium, aber es „spiegelt etwas in seiner eigenen Arbeit wider: ein Gefühl der Bewegungsfreiheit ohne Einschränkungen ... Es hat Räume verändert, sozialen Wandel gefördert – sich von seiner ursprünglichen Funktion zu einem Medium für freie Meinungsäußerung, Bewegungsfreiheit und Gleichberechtigung gewandelt.“ Sein Umgang mit Mosaik ist partizipativ: In Zusammenarbeit mit großen Gruppen

entstehen kollektive Kunstwerke. Diese Praxis wird zu einer Form der generationsübergreifenden Kunstvermittlung, bei der Menschen zusammenkommen, ihre künstlerische Praxis entwickeln und gemeinsam den öffentlichen Raum gestalten. In Zusammenarbeit mit der Spaza Art Gallery hat Neo Schlaglöcher mit Mosaiken repariert, beschädigte Arbeiten im Stadtraum restauriert, mit 400 Studierenden der Universität Witwatersrand ein öffentliches Mosaikprojekt umgesetzt und an partizipativen Kunstaktionen im Rahmen der Sanierung des Wilds Nature Reserve mitgewirkt. Hier wird Mosaik weit mehr als bloße Dekoration, Es wird zum Symbol für Reparatur und gemeinsames Handeln im öffentlichen Raum.

Als nächsten Schritt plant Neo ein öffentliches Kunstprojekt auf dem Constitution Hill in Zusammenarbeit mit den in Berlin ansässigen Mosaizistas (Fanziska Schock, Paulina von Halle). Entstehen soll ein großformatiges Mosaik, das die Bedeutung der Menschenrechte thematisiert und im Rahmen des Constitution Hill Human Rights Festival 2026 präsentiert werden soll. Kinder aus Schulen in Hillbrow werden in die Entwicklung einbezogen. Hillbrow, einst ein Ort revolutionärer Bewegung, ist heute ein vernachlässigter Stadtteil, geprägt durch Kriminalität und Armut. Während Investitionen in Infrastruktur dort weitgehend ausbleiben, gilt Constitution Hill mit seinen Museen und bedeutenden Kunstwerken als lebendiger Touristenmagnet. Neo sieht in diesem Kontrast ein Potenzial: „Das Viertel ist ein Zeugnis dafür, wie wichtig es ist, Orte des Schreckens für die Nachwelt zu erhalten und sie gleichzeitig neu zu gestalten, damit sie den Bedürfnissen der Gegenwart dienen und die Zukunft mitgestalten können.“ Ein Potenzial, das viele der Kunstwerke auf dem Constitution Hill bereits genutzt haben.

Zwei bestehende Mosaike dort veranschaulichen sowohl die Möglichkeiten als auch die Spannungen der südafrikanischen Kunst im öffentlichen Raum. Die Säulen des Gerichtsgebäudes, die an südafrikanische Bäume erinnern, sind mit Mosaiken in Form von Samenkapseln, Dornen und Blättern geschmückt. Entworfen wurde das Projekt von Jane Du Rand, unterstützt von einem großen Team (u.a. Nandipha Baduza, Sandile Cele, Alvina Chonco, Zama Dunywa, Paul Figuero, Raksha Gobardan, Thando Mama, Vukani Mpanza und Tanja van Zyl). Symbolisch wird die Verfassung hier von Bäumen getragen und bietet einen Raum für „Gerechtigkeit unter dem Baum“. Trotz seiner eindrucksvollen Bildsprache offenbart das Projekt jedoch auch ein strukturelles Muster: Weiße Künstlerinnen konzipieren, während schwarze Künstlerinnen ausführen.

Im benachbarten Museum, den ehemaligen Gefängnishöfen, befindet sich das Werk „Vertical Aerial – Johannesburg“ von Gerhard Marx. Eine 3 Tonnen schwere Mosaikinstallation, die eine Luftaufnahme von Johannesburg darstellt. Marx‘ Praxis der „Transformation visueller Gewissheiten in neue räumliche Vorstellungswelten“ soll Wege in die Zukunft kartografieren. Doch diese Zukunft ist weiterhin stark von der weißen Minderheit geprägt, beeinflusst von vorgefertigten Konzepten, intransparenten Fördertöpfen oder Korruption. Damit bleiben die „Vorstellungswelten“ nicht wirklich allen zugänglich.

Constitution Hill und seine Kunst im Stadtraum bieten einen fruchtbaren Raum für die kritische Auseinandersetzung mit Symbolpolitik, die durch Kunst und ein nationalistisches „Wir“-Gefühl vermittelt wird. Eine Politik, die den Kurs des Landes und die Idee der Versöhnung prägt. Ein Prozess, der sich mittlerweile gänzlich von Fragen nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung entfernt hat. Dennoch gibt es Künstler wie Neo, die mit partizipativen Projekten Alternativen entwickeln, um den öffentlichen Raum zugänglicher und gerechter zu gestalten.