Wettbewerbe, Kunst und Gedenken
Denk-Ort sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Hamburg
Die Initiative „Denk-mal sexuelle Vielfalt“ setzte sich seit einigen Jahren dafür ein, in Hamburg einen Ort zu schaffen, der an gegenwärtige und vergangene Verfolgung und Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität erinnert. Der Hamburger Senat beschloss 2023, einen solchen Gedenkort an der Binnenalster, Ecke Neuer Jungfernstieg und Lombardsbrücke, einzurichten. Für die Umsetzung wurden 300.000 EUR veranschlagt.
Ute Vorkoeper
Bildende Künstlerin, Kunst am Bau + Kunst im öffentlichen Raum
Das Interview führte Britta Schubert
Zur künstlerischen Umsetzung wurde ein eingeladener Wettbewerb unter 15 Künstler*innen und Teams durchgeführt. In der Auslobung heißt es: „Der Denk-Ort soll selbstbewusst deutlich machen, dass Hamburg auch in der Zukunft für Respekt und Anerkennung von Vielfalt steht.“
Am 17.07.2024 tagte das von der Behörde für Kultur und Medien berufene Preisgericht und empfahl die Realisierung des 1. Preises: „Für Capri und Roxi“ von Franziska Opel und Hannah Rath. Das Projekt bezieht sich auf ein bislang wenig bekanntes Kapitel der Hamburger Diskriminierungsgeschichte, das 1960 vom Bezirksamt Hamburg-Mitte verhängte, deutschlandweit einzigartige Tanzverbot für Männerpaare. Betroffen waren u.a. die nicht mehr existierenden Lokale Capri-Bar, Roxi-Bar, Stadtkasino, Bohème und Neu-Stadt-Casino. Der Entwurf zeigt eine überdimensional vergrößerte, violett-blau changierende „Luftschlange“ aus Aluminium, die an die Binnenalsterkante geweht zu sein scheint und jeden Moment vom Wind weitergetragen werden könnte.
Den 2. Preis erhielt das Studio Other Spaces (Sebastian Behmann und Ólafur Elíasson) mit dem „Pavillon der Stimmen“ – ein auf Stützen dachartig aufliegender, gerahmter Glasring in Regenbogenfarben. Seitlich an die Konstruktion werden Lautsprecher appliziert, aus denen – noch zu sammelnde – Stimmen aus den Communities zu hören sein sollen. Der Entwurf umfasst zudem eine landschaftsarchitektonische Umgestaltung des Platzes und die Beleuchtung durch eine 40 m hohe Lichtquelle.
Am 02.08.2024 teilte die Behörde für Kultur und Medien mit, entgegen der Juryempfehlung den zweitplatzierten Entwurf zu realisieren. Begründet wurde dies mit einem einstimmigen Votum eingeladener Community-Vertreter*innen vom 01.08.2024 zugunsten des „Pavillons der Stimmen“.
Die Entscheidung stieß auf deutliche Kritik. Mitglieder des Preisgerichts und aus der Kunstszene wandten sich öffentlich an Senator Carsten Brosda. Sie bemängelten u. a., dass der Termin am 01.08.2024 außerhalb des regulären Verfahrens stattgefunden habe und ein gemeinsamer Austausch mit allen Wettbewerbsbeteiligten abgelehnt worden sei. Bis zum 08.08.2024 lag kein Protokoll der Preisgerichtssitzung vor und ebenso wurde kein Termin für eine öffentliche Ausstellung der Beiträge genannt. Gefordert wurde die Rücknahme der Entscheidung und eine ergebnisoffene Fortführung gemäß der anerkannten Verfahrensrichtlinien.
Am 13. November 2024 fasste die Hamburgische Bürgerschaft – gegen die Stimmen der AfD – den Beschluss, auch den ursprünglichen Siegerentwurf „Für Capri und Roxi“ zu finanzieren. Das Denkzeichen soll an einem der ehemaligen Standorte der heute nicht mehr existierenden Szene-Lokale entstehen; hierfür wurden 150.000 EUR bereitgestellt.
Damit sind zwei Projekte auf den Weg gebracht: der „Pavillon der Stimmen“ als Denk-Ort an der Binnenalster und „Für Capri und Roxi“ als zusätzliches, ortsbezogenes Mahnmal.
Wir sprachen darüber mit Ute Vorkoeper, Künstlerin und Mitglied des Preisgerichts:
→ Wie erklärst du dir, dass der erstplatzierte und von der Jury zur Realisierung empfohlene Entwurf nun vom Auslober als „tolle Ergänzung“ zum „Pavillon der Stimmen“, bezeichnet wird, der von der Jury den zweiten Platz erhielt und nicht zur Ausführung empfohlen war?
Das erstplatzierte Projekt als „tolle Ergänzung“ zu bezeichnen, unterschlägt die eigenständige Besonderheit des Entwurfs. „Für Capri und Roxi“ hätte an der Hamburger Binnenalster ein unerwartetes, offenes und dennoch ikonisches Zeichen für die Communities gesetzt, das die Verhältnisse, wie es so schön heißt, zum Tanzen bringen wollte. Der Tanz wird nun woanders stattfinden, während die Communities an der Alster unter einem Regenbogen über sich selbst nachdenken.
→ Das gesamte Verfahren bewegte sich, zum Beispiel bei der Zusammensetzung des Preisgerichtes, von Anfang an jenseits der Verfahrensrichtlinien. Wie beurteilst du als Mitglied der Jury den Vorwurf, die Community sei nicht ausreichend in die Entscheidung einbezogen worden?
Der Vorwurf ist unbegründet. Das Problem besteht darin, dass die auslobende Hamburger Behörde für Kultur und Medien den Communities als „Nutzer*innen“ maximale Mitsprache und schließlich das letzte Wort gegen Fach- und Sachargumente eingeräumt hat. Im Verfahren standen nicht länger die Fragen nach künstlerischer Qualität, Originalität, technischer Umsetzbarkeit und Einhaltung des Finanzrahmens im Vordergrund, sondern die Sorge um die Erfüllung der Wünsche der Communities. Das ist ein Dilemma.
Die Ausschreibung wurde ja nicht aus dem Boden gestampft, sondern nach Workshops und einer Ortsbegehung mit den Communities entwickelt. Ich habe an diesen Treffen als Referentin teilgenommen und unterschiedliche Wettbewerbsverfahren erläutert, d.h. die Bedingungen und Chancen von Kunstwettbewerben vorgestellt. Klar betont habe ich dabei immer wieder, dass Kunstwettbewerbe ergebnisoffen ausgeschrieben werden, dass keine Auftragsarbeiten erwartet werden dürfen, kurz, dass der Wettbewerb ein unerwartetes Ergebnis haben kann.
Die Zusammensetzung des Preisgerichts war zudem ebenfalls „nutzerorientiert“: Zwei Künstlerinnen und ein Kurator trafen auf drei stimmberechtigte Mitglieder der Communities sowie vier Sachpreisrichterinnen, die im Dienst der Hamburger Behörden stehen/standen. Den Vorsitz hatte ein Mitglied der Communities.
→ Wie kam es, dass nach der Aufhebung der Anonymisierung der Entwürfe eines Verfahrens, das die Anonymität zum Grundsatz hatte und nachdem die Erstplatzierten bereits seit zwei Wochen über die Realisierungsempfehlung der Jury unterrichtet worden waren, der Jurybeschluss wieder umgeworfen wurde?
Ausgehebelt hat das Verfahren aus meiner Sicht, dass die Kulturbehörde eine Vorabbegehung durch Interessierte aus den Communities – ohne sachverständige Begleitung – angeregt hatte, um mögliche Problematiken bei Entwürfen anzumerken. Wie eine Vorjury hat diese Gruppe dann Voten verteilt und ein klares Votum für den zweitplatzierten Entwurf getroffen, das offen in der Jurysitzung aushing. Die wohlbegründeten sachverständigen Argumente zum Entwurf kamen daraufhin bei den Jury-Vertreter*innen der Communities nicht mehr an.
Durch diesen Prozess waren zudem schon vor der Jurysitzung alle Wettbewerbsbeiträge einem breiteren Personenkreis bekannt. Nach der Entscheidung der Jury müssen die Communitie-Vertreter*innen dann, statt die Vertraulichkeit zu wahren und das Protokoll abzuwarten, den Austausch über den Entscheidungsprozess mit den Communities und der Behörde für Kultur und Medien gesucht haben.
Zumindest wurde dies dann per Zufall aus der Presse bekannt, als in einem Interview in der Szene Hamburg einer der Initiatoren erwähnte, dass ein Treffen der Communities mit der Behörde für Kultur und Medien stattfinden solle, um die Entscheidung der Jury zu revidieren. Daraufhin haben wir – alle Fachpreisrichter*innen der Jury und des Vorauswahlgremiums – der Kulturbehörde umgehend angeboten, an diesem Treffen teilzunehmen, um die Fach- wie Sachargumente zu erläutern. Aber die Behörde hat uns schriftlich ausgeladen.
→ Um was für eine Versammlung handelte es sich, als am 1.8.2024 der Jurybeschluss gekippt wurde, und wie war das Preisgericht an diesem Beschluss beteiligt?
Wie gesagt, es war ein exklusives Treffen zwischen BKM und Vertreter*innen von Communities, die z.T. seit längerem an dem Prozess beteiligt waren und nun gemeinsam für den zweitplatzierten Entwurf votierten. Ohne weitere Rücksprache sowie vor Versand des Jury-Protokolls hat die BKM am 2.8.24 dann in einer Presseerklärung die Entscheidung der Jury gekippt.
Als Antwort darauf haben wir den Offenen Brief verfasst, der darlegt, dass sich die Stadt im Verfahren nicht an die in der Auslobung vereinbarten Regeln und Richtlinien gehalten hat und gefordert, dass die in der Pressemitteilung veröffentlichte Entscheidung zurückgenommen und der Prozess gemäß der anerkannten Verfahrensrichtlinien zum Abschluss gebracht wird. Wir haben zudem kritisiert, dass das Votum der Communities unter Ausschluss der Öffentlichkeit getroffen wurde und dass sich die Öffentlichkeit ohne Ausstellung aller Wettbewerbsergebnisse gar kein Bild machen kann.
→ Gegen die Entscheidung für den Entwurf „Für Capri und Roxi“ wurde im Nachhinein der Vorwurf formuliert, diese Arbeit repräsentiere allein den schwulen Teil der Community einer bestimmten historischen Epoche. Wie habt ihr in der Jury diese Frage diskutiert?
Die Reduktion des Entwurfs auf eine Repräsentation des schwulen Teils der Communities erfolgte ebenfalls in der Vorabbegehung durch Interessierte aus den Communities. Sie war das Votum, das dem Entwurf anhing. Die Fach- und Sachjury hat diese Verengung nicht gesehen und versucht, das Missverständnis argumentativ aufzulösen. Denn die violette Luftschlange ist ja weder ein Symbol noch eine Metapher noch eine Allegorie für das Tanzverbot. Sie ist ganz im Gegenteil ein positives, ein sich öffnendes Zeichen. So wie es die Entwurfsverfasserinnen in ihrer Erläuterung dargelegt haben, haben auch wir das Tanzverbot als Aufhänger oder Auslöser für dieses neue Zeichen verstanden, das alle Communities einzubinden vermag. Eine Form zwischen Aufbruch und zukünftiger Veränderung, ein Zeichen für Emanzipation und Resignifizierung. Ein anderer Titel oder eine Hinweistafel hätte die verengte Bewertung zudem aufheben können.
→ Wie beurteilst du abschließend den gesamten Prozess und sein Ergebnis?
Im Wettbewerb haben sich insgesamt vierzehn Künstlerinnen/-Teams aus verschiedenen Perspektiven mit den Anliegen der Communities beschäftigt und vielfältige, teilweise extreme und spannende Entwürfe vorgelegt. Sie wurden alle vom nicht regulären Verfahrensablauf enttäuscht, nicht nur die erst- und zweitplatzierten Künstlerinnen und die Jurymitglieder.
Vom Ende aus betrachtet, hätte man dieses Verfahren weniger frustrierend und kostengünstiger gestalten können, indem man den Denkort als repräsentative Auftragsarbeit ausgelobt hätte. Damit wäre das oben aufgezeigte Dilemma von vorherein zugunsten der Nutzerinnen gegen die Kunst entschieden gewesen, und das kann nicht im Sinn der Künstlerinnen sein.
Weil auch in anderen Wettbewerben die Interessen und Bedürfnisse der Nutzerinnen immer expliziter in den Mittelunkt gestellt werden, sollten wir das Thema offensiv angehen, auf künstlerische Qualitätskriterien pochen und mehr Mut wie Ergebnisoffenheit einfordern. Insbesondere für Gedenkorte kann es darüber hinaus sinnvoll sein, prozessual ausgerichtete oder kuratierte Verfahren zu erfinden, die im direkten Dialog mit den „Nutzerinnen“ und der Öffentlichkeit inspirierende, in die Zukunft weisende Kunstwerke zu finden versuchen.