Kulturpolitik

Die demokratischen Pfeiler der Kunst im öffentlichen Raum

Elfriede Müller
von Oktober 1994 bis August 2024 Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum

2017 feierte das Büro für Kunst im öffentlichen Raum seine vierzigjährige Existenz. Im Gegensatz zur DDR, der ihre Vierzigjahrfeier nicht gut bekam, existiert es heute noch. Und nicht nur das: nie fanden mehr Kunstwettbewerbe statt als in den letzten fünf Jahren. Lange Jahre waren um die zehn Verfahren im Land Berlin und seinen Bezirken die Regel. Seit der Berliner Schulbauoffensive (BSO), der Sanierung und dem Neubau der Jahrzehnte lang vernachlässigten Berliner Infrastruktur, begleitet das Büro für Kunst im öffentlichen Raum mit unwesentlich mehr Personal mehr als doppelt so viele Wettbewerbe. Noch 2017 bedauerten wir, dass die demokratischste Wettbewerbsform, der Offene zweiphasige Wettbewerb, nur selten in Anspruch genommen wurde. Es lag damals am nicht Wollen der Landesverwaltung, die über ausreichende finanzielle Ressourcen verfügte und dem nicht Können der Bezirke, die nur kleine Beträge zur Verfügung hatten. Das Büro für Kunst im öffentlichen Raum empfiehlt – je nach Aufgabenstellung – aktuell ab 250.000 Euro einen Offenen Wettbewerb durchzuführen. Vor der Inflation waren es 150.000 Euro. Aufgrund der zahlreichen Verfahren und der relativ hohen Mittelansätze für Kunst am Bau ist es möglich, die ganze Verfahrensvielfalt zum Einsatz zu bringen.

Alles eine Aufstiegsgeschichte? Keineswegs, denn Fortschritt ist noch nie eine lineare Bewegung gewesen und das unermüdliche Engagement der Mitarbeitenden und der ehrenamtlich tätigen Künstler*innen für die Sache allein reicht nicht aus, die Kunst im öffentlichen Raum für immer auf der Straße des Erfolgs zu verorten und institutionell fest zu schreiben. Dafür braucht es fest verankerte Strukturen. Die frühen Jahre des Büros waren vom außerordentlichen Elan der ersten noch unter prekären Bedingungen beschäftigten Beauftragten Stefanie Endlich geprägt und den Nachwirkungen der Aufbruchsstimmung der 68er Bewegung, die sich die Demokratisierung aller Lebensbereiche auf die Fahnen geschrieben hatte. Das Büro entstand im subventionierten West-Berlin der 70er Jahre, begleitet von Demokratisierungsbestrebungen und Mitbestimmungsbegehren der Kulturschaffenden, denen die damals im Westen praktizierte Kunst am Bau fundamental widersprach. Bei Neubauten beauftragte – wenn überhaupt – der ausführende Architekt befreundete Künstler*innen. Von Vielfalt, Kunstwettbewerben und Mitbestimmung konnte keine Rede sein. Man nannte es auch „closed shop Prinzip“. Als Teil des Marsches durch die Institutionen wurde vom bbk berlin eine Kunst am Bau-Reform angestrebt und durchgesetzt. Auch der Deutsche Städtetag und die Kultusministerkonferenz forderten diese Reform. Wie die documenta 6, die sich mit öffentlichem Raum auseinandersetzte und für das Thema sensibilisierte. Da die Architekt*innen bereits über Wettbewerbe und Chancengleichheit verfügten mit einer eigenen Kammer und einer größeren Lobby, war ihr Modell wie heute wegweisend für Chancengleichheit und klare Regeln. So gelang es auch, in der Anweisung Bau auf zwei Seiten die Vorgaben für die Kunst am Bau und im Stadtraum zu präzisieren, Wettbewerbe zu verankern, eine Stelle beim bbk zu finanzieren und bei der damaligen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen paritätisch besetzten Beratungsausschuss Kunst einzurichten, dem die Bezirke folgten.

Obgleich im vereinigten Berlin wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch die Westberliner Regelung eins zu eins übernommen wurde, soll trotzdem auf die umfangreiche Regelung der DDR hingewiesen werden, die aufgrund der Eigentumsverhältnisse viel mehr Kunst produziert hatte. Die Regelungen der DDR besagten seit 1952, dass ein bis zwei Prozent der Bausumme von Verwaltungs-, Kultur- und Sozialbauten für Kunst aufzuwenden ist. Ab Mitte der 1960er Jahr wurde die baubezogene Kunst um die Umweltgestaltung erweitert. Damit vergrößerten sich auch die entscheidenden Gremien. Im Gegensatz zur BRD galten nicht nur Leitfäden oder Anweisungen, sondern die baubezogene Kunst wurde Gesetz, das einen Anteil von 0,5 Prozent der Bausumme für die Kunst am Bau zur Verfügung stellte. In diesem Rahmen wurde eine große Anzahl baubezogener und angewandter Kunst realisiert. Die Künstler*innen entwickelten Gestaltungskonzeptionen für Gebäudekomplexe, Plätze, Wohngebiete und die Ausgestaltung von Betrieben, die „Arbeitsumweltgestaltung“. So arbeiteten die Künstler*innen nicht nur wie im Westen mit Architekt*innen zusammen, sondern auch mit Landschafts- und Formgestalter*innen. Dies bedeutete, dass auch viel Gebrauchskunst realisiert wurde wie Formsteinwände, Brunnen, Spielplatzplastiken, Spielgeräte, Pflanzschalen, Orientierungssysteme oder Leuchtwerbung.

Kud Ljud, Performance zum Monument von Jakov Brdar, 2012 Ljubljana, Foto: Kaja Brezoƒnik

Nach der Vereinigung wurde diese Regel abgeschafft und viele Kunstwerke gingen durch Eigentumswechsel verloren. Heute hat sich nach großem Verlust eine größere Sensibilität für die Ostmoderne entwickelt, die auch wissenschaftliches Interesse hervorruft, das sich in der Zahl von Tagungen und Ausstellungen wie Publikationen äußert.

Die Kunst am Bau und im Stadtraum war zu Beginn der 90er Jahre im frisch vereinten Berlin in einem traurigen Zustand. Der Beratungsausschuss Kunst tagte nicht mehr, die bezirklichen Strukturen – vormals in Kreuzberg und Schöneberg und in den 70er Jahren auch in Charlottenburg stellten ihre Tätigkeit aufgrund der geringen Bauvorhaben und der geringen Summen einfach ein. Es gab einige Leuchtturmprojekte wie der von der nGbK 1992 angestoßene Wettbewerb „Übergänge“, der die ehemaligen Grenzübergänge künstlerisch thematisierte und erst 1996 durchgeführt wurde. Eine konsequente Anwendung der Anweisung Bau (A-Bau) für Kunst am Bau und im Stadtraum begann erst wieder Ende der 90er Jahre und erforderte den Neuaufbau verbindlicher demokratischer Strukturen.

Einzig ein ganz im Norden liegender Bezirk – Weißensee – hatte eine funktionierende Fachkommission für Kunst im öffentlichen Raum, analog zur A-Bau paritätisch besetzt mit Vertreter*innen der Architektenkammer, des bbk berlin und von Künstler*innen der einzelnen bauenden Ämter unter der Leitung des bauenden Stadtrates und der Geschäftsführerin Annette Tietz, der Leiterin des damaligen Brecht-Hauses und der heutigen Kommunalen Galerie Pankow. Darüber hinaus entstand zu diesem Zeitpunkt das Neubaugebiet Karow Nord mit 5000 neuen sozial geförderten Wohnungen und entsprechender Infrastruktur, bei der Kunst am Bau zum Tragen kam und mehrere Nicht offene Wettbewerbe stattfanden. Das vollkommen neu besetzte Kunst am Bau-Büro – ab 1999 Büro für Kunst im öffentlichen Raum –  nahm dieses erfolgreiche Modell als Grundlage für einerseits die Wiederbelebung eingefrorener Strukturen in Charlottenburg, Kreuzberg und Schöneberg und dem Beratungsausschuss Kunst sowie dem Aufbau neuer Strukturen in den anderen Bezirken. Diese Arbeit nahm viele Jahre in Anspruch, in denen sich das Büro zum Kompetenzzentrum und einer starken Infrastruktur entwickelte. Die Gründung der Beiräte in den Ostberliner Bezirken war leichter und kooperativer, die Zusammenarbeit meistens zugewandter. In den Westbezirken wurde unsere Initiative anfangs belächelt, da die mageren Jahre nicht mehr die hohen Beträge wie zu Mauerzeiten ermöglichten und um die kleinsten Summen gerungen werden musste. Dieser mühevollen und kleinteiligen Arbeit wollten sich die ehemaligen Akteur*innen der Kunst am Bau und im Stadtraum zu Westberliner Zeiten nicht unterziehen und betrachteten die Wühlarbeit des Büros eher mitleidig.

Häufig durch Neubesetzung in den Ämtern oder andere Ansprechpartner*innen als die ehemaligen Aktiven zu Mauerzeiten gelang es in einigen Jahren eine fast berlinweite solide Infrastruktur in den Bezirken aufzubauen und sogar den Beratungsausschuss Kunst wieder halbwegs zum Funktionieren zu bringen und damit viele anliegende Gedenkprojekte endlich umzusetzen. Die regelmäßig tagenden Beiräte erlaubten den damals noch nicht digital möglichen Einblick in die Investitionsplanungen und verdeutlichte, wie es auch eine Anfrage im Abgeordnetenhaus ergab, dass viele Bauten der vorangegangenen Jahre keine Kunst am Bau realisiert hatten, obgleich sie die A Bau dazu verpflichtete. In den 2000er Jahren wurde die öffentliche Verwaltung ausgedünnt, in Pension gehende Mitarbeiter*innen nicht ersetzt, denn der Neoliberalismus stand in seiner Blüte. Dadurch mussten immer weniger Menschen immer mehr Arbeit verrichten. Dies wurde auch durch die Bezirksfusionen 2001 nicht weniger, im Gegenteil. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist in vielen Bezirken die logistische Unterstützung des Büros für Kunst im öffentlichen Raum unentbehrlich, um wirklich bei allen relevanten öffentlichen Investitionsmaßnahmen des Hochbaus, Tiefbaus (Ingenieurbauwerke/Verkehrsanlagen) und Landschaftsbaus Kunst am Bau zu realisieren. Das Funktionieren der einzelnen Beiräte hängt auch sehr von der Mitarbeit und Integration der bauenden Ämter ab, da diese gemeinsam mit Künstler*innen und Architekt*innen die Realisierung fachgerecht begleiten und später auftauchende mögliche Probleme gleich verhandeln.

Es gab zu Beginn auch einige Bezirke, die sich regelrecht sträubten Beiräte einzurichten. In Steglitz hatte sich die Bezirksverordnetenversammlung mit einem Beschluss gegen die Einrichtung eines Beirats ausgesprochen. Durch kleinteilige und mühevolle Überzeugungsarbeit und Auseinandersetzung mit den Vertreter*innen aller damals im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien gelang es, eine flächendeckende Beiratsstruktur in Berlin zu etablieren mit jeweiligen Besonderheiten, die sowohl an Personen als auch an der Spezifik der einzelnen Bezirke – mittlere Großstädte – liegen. Es gibt nur in wenigen Bezirken Stellen, die sich ausschließlich mit Kunst im öffentlichen Raum befassen: bisher in Lichtenberg, Mitte, demnächst Neukölln, Pankow und Spandau. Ansonsten befassen sich Kolleg*innen der Kultur- oder auch Bauämter zusätzlich mit der Kunst im öffentlichen Raum, manchmal teilen sich die Ämter auch die Geschäftsstelle wie z. B. in Tempelhof-Schöneberg, was vorbildlich ist und am besten in der A Bau zu verallgemeinern wäre. Fast alle Bezirke halten sich in ihren Verfahren an die Richtlinie für Planungswettbewerbe (RPW 2013). In zwei Fällen wie beim Land Berlin hapert es noch bei der Zusammensetzung der Preisgerichte und der dubiosen Auswahlgremien für Vorgeschaltete Bewerbungsverfahren. Die Auflage der RPW, dass nur diejenigen Fachpreisrichter*innen sind, die die Qualifikation der Teilnehmenden besitzen – bei Kunstwettbewerben also Bildende Künstler*innen - wird vom Land Berlin, Mitte und Spandau nicht immer erfüllt. Häufig finden sich darunter auch qualifizierte Kurator*innen, die eigentlich Sachpreisrichter*innen sind, im schlimmsten Fall auch Verwaltungsangestellte. Aber das sind Qualifizierungsbedarfe, die vielleicht bald umgesetzt werden und die Strukturen nicht daran hindern, erfolgreiche und zahlreiche Kunstwettbewerbe durchzuführen. Überhaupt zeichnen sich die Strukturen auch dadurch aus, dass sie sich in vielen Jahren in der Durchführung gemeinsam mit dem Büro für Kunst im öffentlichen Raum qualifizieren konnten, wenn es auch manche Rückschläge hinzunehmen gab.

Da es sich bei der A-Bau leider nur um eine Anweisung der Verwaltung an sich selbst und nicht um ein Gesetz handelt, wird die A-Bau immer wieder auch mal umgangen. Um das zu vermeiden, hilft die Wachsamkeit der Künstler*innenvertretung in den Beiräten und das in die Pflicht nehmen der Verwaltungen ihre eigenen Aufgaben betreffend. Es ist leider auch nicht so, dass funktionierende Beiräte unbedingt langfristig funktionieren. Bei jeder Legislaturperiode werden sie neu berufen und die Stadträt*innen und Bürgermeister*innen, die ihnen vorsitzen, hängen von den Mehrheitsverhältnissen bei den Wahlen ab. Nach jeder Wahl, die neue Machtverhältnisse hervorbringt, verzögert sich der Arbeitsrhythmus der Beiräte und damit auch die Durchführung von Wettbewerben. In manchen Fällen – wenn es wenig oder kein Interesse der neuen Verantwortlichen gibt – setzt ein Beirat sogar mal eine Legislaturperiode aus, wie es in Charlottenburg-Wilmersdorf zwischenzeitlich geschah.

Durch die Auseinandersetzungen und meistens konstruktiven Diskussionen in den Beiräten, in denen  wie in Preisgerichten Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und verschiedenen Fachrichtungen zusammentreffen, wird die Kontinuität der Kunst am Bau und im Stadtraum behauptet und Demokratie gelebt. Denn die Umsetzung des öffentlichen Kunstauftrags ist ein Paradigma der offenen Gesellschaft, die sich ihre Kritikfähigkeit bewahren muss. Die aktuell bestehende Beiratsstruktur ist keine Errungenschaft, auf der sich ausgeruht werden kann. Sie muss immer wieder neu belebt und leider auch behauptet werden, um auch Zeiten der Mangelwirtschaft und der Sparhaushalte zu überstehen. Denn solange es ein funktionierendes Staatswesen gibt, solange wird auch gebaut, und die Berliner Kunst am Bau-Regelung war nie so kurzsichtig wie in Bremen oder Hamburg, die maßnahmengebundenen Mittel an die einzelnen Neubauten oder Sanierungen in einem Topf für Kunst im Stadtraum zu vereinen, der bei der nächsten Finanzkrise kurzerhand eingespart werden kann. Der zweite Pfeiler der Kunst im Stadtraum neben der Kunst am Bau ist in Berlin zum einen finanziell unterentwickelt, bei aktuell bedauernswerten 375.000 Euro und müsste dringend erhöht werden, um den Aufgaben und dem Kunststandort Berlin gerecht zu werden. Und zum anderen müsste er mit je 100.000 Euro pro Bezirk von den lebendigen Berliner Bezirken selbst verwaltet werden. Aber dazu mehr in dieser Ausgabe.