Kunst und Gedenken
Ein Denkmal gemeinsam denken
Seçil Yersel & Nadin Reschke, Künstlerinnen
Wir – Seçil Yersel (vom Künstlerkollektiv Oda Projesi) und Nadin Reschke – arbeiten seit Anfang der 2000er Jahre in verschiedenen kollektiven Projekten zusammen. Partizipative Ansätze sind ein wesentlicher Bestandteil unserer künstlerischen Praxis, jedoch hatten wir bislang noch nie gemeinsam an einer Idee für ein Denkmalprojekt gearbeitet.
2021 wurden wir von der Kommission, die den Denkmalprozess begleitet, eingeladen, an der Diskussion um ein Tertele-Denkmal zur Erinnerung an den Genozid von Dersim teilzunehmen. Dort hatte die türkische Armee in den Jahren 1937 und 1938 Massaker an der alevitisch-kurdischen Bevölkerung der Region begangen. Gemeinsam mit der Gemeinde wollten wir über Bedeutung, Form und Ort eines solchen Denkmals nachdenken und durch partizipative künstlerische Strategien einen Dialog über Erinnerungskultur im öffentlichen Raum eröffnen.
Unser Anliegen war es, einen Dialog mit der Dersim-Gemeinde zu initiieren und Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Hintergründe kennenzulernen. Wir wollten unsere Rolle als Vermittlerinnen beibehalten, zuhören, Fragen stellen und das Thema jenseits politischer Terminologie verstehen. Offizielle Geschichtsschreibung wiederholen wir bewusst nicht – individuelle Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle bildeten den Ausgangspunkt unserer Gespräche und schufen durch gezielte Fragen einen Raum des Austauschs.
An den performativen Gesprächen, die wir in den kommenden Monaten in einem Raum der Dersim-Gemeinde realisierten, nahmen fortwährend viele Gemeinde-Mitglieder teil. Zwischen März und September 2022 trafen wir mehr als 23 Menschen zu jeweils anderthalbstündigen Gesprächen. Wir fragten uns, was wir benötigen, um über ein so traumatisches und schwerwiegendes Ereignis sprechen zu können. Wie lässt sich eine andere Gesprächs- und Begegnungsform gestalten? Um dies zu ermöglichen, übernahm jede von uns eine unterschiedliche Rolle. Nadin entwarf für die performativen Gespräche für die Teilnehmer*innen eine Reihe von Kostümen, die nur während dieser Begegnungen getragen werden konnten, und die sie dadurch in eine Art Ritual einbezog. Seçil hingegen gestaltete ein „Ding“, das die Teilnehmer*innen während des Gesprächs in den Händen halten konnten: zusammengesetzt aus Zeitungspapier, Ästen, Stoffresten und Drähten.
Dieses Objekt wirkte im Erscheinungsbild dicht, hatte ein leichtes Gewicht und half den Sprechenden, sich zu konzentrieren und zugleich über dieses „Ding“ weitere Erinnerungen hervorzurufen. Bei jedem Gespräch wurde es weitergegeben, von Hand zu Hand gereicht. Das An- und Auskleiden am Anfang und am Ende der Gespräche waren wichtige Übergangsmomente hinein in und hinaus aus dem Alltag in Berlin. Die meisten Gespräche fanden auf Türkisch statt. Das bedeutete, dass Seçil die Gespräche initiierte und die Fragen stellte, während Nadin als Zeugin anwesend war.
Nach jedem Gespräch tauschten wir uns aus und realisierten, wie enorm wichtig es war, dass wir zu zweit in diesem Prozess waren. Das von den Eltern Erlebte wird als transgenerationales Trauma auf die folgenden Generationen übertragen. Die Geschichte der Gewalt und des Unrechts so sichtbar werden zu lassen, war ein wichtiger Teil der Arbeit. Die Kostüme und das „Ding“ verwandelten sich dadurch, sogar jenseits aller Worte, in etwas Verbindendes und Solidarisches. Einige unserer Fragen waren: Was bedeutet Tertele für dich? Wie beschreibst oder definierst du es? Wie fühlst du dich, wenn du darüber sprichst? Was lässt dich an Tertele denken? Sprichst du darüber mit Menschen, die nicht zu deiner Community gehören? Wie spürst du es in deinem Körper, wenn du darüber sprichst? Was wird ignoriert? Wenn du Tertele in deinen Händen halten würdest, wo würdest du es ablegen? Wie würdest du es tragen? Welche Art von Ort kann Tertele aufnehmen? Offen oder geschlossen? Privat oder öffentlich? Was möchtest du den Menschen sagen, die Tertele nicht kennen? Wer würde deine Gefühle für Tertele nicht verstehen?
Durch die Gespräche wurde uns deutlich, dass die Debatte um den Genehmigungsprozess des Tertele-Denkmals im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bereits seit einigen Jahren Gräben entstehen ließ. Uns war bewusst, dass wir in eine schon lange bestehende Diskussion einstiegen und diese an anderer Stelle auch wieder verlassen würden. Dies prägte unsere Haltung von Anfang an, während wir die Verantwortung für die Themen, die Begegnungen und unser Handeln in der Zwischenzeit sehr ernst nahmen.
2015 stellte die Dersim Kulturgemeinde e. V. einen Antrag an die BVV zur Errichtung eines Mahnmals in Berlin-Kreuzberg, um der Opfer der Massenexekutionen 1937/38 in Dersim zu gedenken und als Dersimer*innen sichtbar zu werden. Heute leben rund 200.000 Zaza-Alevit*innen in Berlin. Da das Massaker in der Türkei nicht anerkannt wird, ist das Sichtbarwerden besonders bedeutsam. Im März 2019 beschloss die BVV Friedrichshain-Kreuzberg, dass das Bezirksamt beauftragt wird, der Dersim Gemeinde e. V. einen Ort zur Errichtung eines Denkmals zum Gedenken zur Verfügung zu stellen, doch es kam zu Konflikten, die unterschiedliche Geschichtsnarrative verdeutlichten. Der Berliner Zweig der Vatan-Partei betrachtete das Projekt gar als „Gefahr für das Miteinander“.
Gleichzeitig zeigt sich die Notwendigkeit einer postnationalen und postmigrantischen Perspektive auf Erinnerungskultur. Jede Nation konstruiert eine Geschichte, die als allgemeingültig gilt, im Bildungssystem verankert ist und in Symbolen sichtbar ist. Doch diese Narrative sind selektiv. Wie können wir mit der „anderen“ Geschichte umgehen, derjenigen, die eher mündlich überliefert wird, in Liedern und Erzählungen sichtbar ist und die von der Geschichte der „Nation“ an den Rand gedrängt wird? Wie können wir den Menschen zuhören, die von der „Geschichte“ traumatisiert und ignoriert, sogar beschuldigt wurden? Wie können wir helfen, den Schmerz der anderen zu heilen und ihr Recht auf Existenz und Teilhabe zu unterstützen? Wir diskutierten viel darüber, wie jeder Einzelner mit dem Erbe einer „gewalttätigen Vergangenheit“ umgeht. Eine Frau sagte: „Tertele ist eine Wunde in uns. Eine schmerzende Wunde. Auch wenn tausend Jahre vergehen, dieses Gefühl wird bleiben. Es ist eine Wunde in uns.”Und eine andere Frau mahnte: „Wir müssen das Thema gegenwärtig halten, dürfen es nicht vergessen und müssen es an unsere Kinder weitergeben, damit sie ihre Geschichte kennen. Wenn wir unsere eigene Geschichte nicht kennen, können wir auch unsere Zukunft nicht sehen.”
Zum Abschluss des Projektes haben wir vom 2. bis 5. Dezember 2022 ein Kolloquium im Museum FHXB veranstaltet. Ziel dieses Kolloquiums war es, einen Dialog zwischen den verschiedenen Interessengruppen und der Nachbarschaft zu initiieren. Das Programm bestand aus Redebeiträgen von Mitgliedern der Dersim-Gemeinde, Impuls-Beiträgen von verschiedenen Künstler*innen und anschließenden zweitägigen Workshops.
Mit drei künstlerisch-praktischen Workshops wollten wir Menschen unterschiedlichster Herkunft in Kreuzberg einladen, mit ihrer Perspektive selbst Erinnerungsarbeit zu gestalten. Vor allem die ältere und junge Generation der Dersimer*innen sollten in Kontakt mit Künstler*innen gebracht werden, um gemeinsam erste Ideen für ein mögliches Denkmal zu entwickeln und zu erfahren, wie vielfältig Erinnerungskultur im öffentlichen Raum sein kann.
In dem Workshop des Künstlerduos Various & Gould „zusammen:finden“ wurden mit der Methode der Collage Ideen entwickelt, wie und wo ein Mahnmal gestaltet sein könnte, und diese in Plakate umgesetzt. Im zweiten Workshop „Wir sind hier, wir sind das Denkmal!” mit der Künstlerin Raisa Galofre inszenierten wir ein mögliches Denkmal mit unseren Körpern. Wir setzen uns mit Körperausdruck, Gestik und Komposition auseinander und wurden als Teilnehmende selbst Teil des Denkmals.
Im dritten Workshop „Geografische traumatische Intimität“ mit der Künstlerin Ezgi Kılınçaslan diente ihr Dokumentarfilm, der zwischen 2008 und 2016 im Rahmen eines Oral-History-Projekts mit der armenischen Diaspora in Paris und Beirut entstand, als Ausgangspunkt. Aus Erzählungen, Fotografien und Objekten der Teilnehmer*innen entstanden Reaktionen und Verbindungen zum Film. Wir schlossen das Kolloquium mit einem Plenum ab, in dem die Workshop-Gruppen ihre Erfahrungen und Ergebnisse miteinander teilten. Teil eines solchen Denkmal-Projekts zu sein, ermöglichte es uns, Werkzeuge zu entwickeln, um gemeinsam über sensible, fragile und schwer greifbare Themen nachzudenken. Besonders wertvoll war für uns die gastfreundliche Haltung der Gemeinde und der Mitglieder des Dersim-Vereins sowie ihre aufrichtige Offenheit im Ausdruck. Gleichzeitig fragten wir uns auch: Wie hätte sich das Projekt entwickelt, wenn es von zwei Künstler*innen aus der Dersim-Gemeinde selbst realisiert worden wäre?Welche alternativen Wege und Möglichkeiten wären dadurch entstanden?
Am Ende des Projektes wollten wir mit der Videoarbeit, die wir gemeinsam mit der Künstlerin Raisa Galofre realisierten, zumindest einen Teil der Inhalte und Herangehensweisen dieses Projektes teilen und zugleich zur Diskussion stellen. Dieses Video wurde zur Eröffnung des Tertele-Denkmals fertiggestellt.
Am 4. Mai 2025, dem 88. Jahrestag des Dersim-Terteles, wurde das Tertele-Denkmal, das von der Künstlerin Ezgi Kılınçaslan entworfen und in enger Abstimmung mit der Gemeinde auf dem Blücherplatz aufgestellt wurde, in einer feierlichen Zeremonie eröffnet.
Wir danken allen, die an den performativen Interviews und am Kolloquium beteiligt waren oder teilgenommen haben, sowie den Künstler*innen für ihre wertvollen Beiträge. Unser Dank gilt ebenfalls den Institutionen, die uns unterstützt haben, insbesondere dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, dem Museum FHXB, der Dersim Kulturgemeinde e.V., AKEBİ e. V. Berlin und der Alevitischen Gemeinde zu Berlin e. V. Das Projekt wurde vom Projektfonds Kulturförderung und dem Projektfonds Kulturelle Bildung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg gefördert.