Kulturpolitik
Eine symbolische Revolution
Mit dem Buch „Kulturarbeit“ hat Michael Hirsch ein Manifest für Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Musiker:innen, Schriftsteller:innen, politische Aktivist:innen und all diejenigen verfasst, die mit ihren Tätigkeiten für ein freies und selbstbestimmtes Leben stehen, deren Autonomie durch den Zustand einer allgemeinen Zeitarmut, Mehrarbeit und Überproduktion jedoch zunehmend unterzugehen droht. Die Kulturarbeit wurde Hirsch zufolge in den letzten Jahrzehnten immer mehr den Bedingungen der herkömmlichen Lohnarbeit gleichgesetzt. Auf diese Weise entsteht eine Art Überproduktion von Kunstwerken, Ausstellungen und anderen Leistungen im Kulturbetrieb, die nicht im gleichen Maße wahrgenommen und bezahlt werden, wie es angemessen wäre.
Katinka Theis
Der Wunsch nach einer freien und selbstbestimmten Lebensweise wird zudem häufig durch die Notwendigkeit existenzsichernder Jobs in prekären Arbeitsverhältnissen erschwert. Die eigentlich freie und empathische Intention kultureller Arbeit wird dem Regime einer kapitalistischen Produktionsweise unterworfen, wie sie Karl Marx schon für die kapitalistische Ökonomie insgesamt formuliert hatte. Auch im Bereich der Kulturarbeit entsteht durch die Dynamik von Überproduktion und Unterkonsumption eine maßlose Verschwendung von Ressourcen und Lebenszeit. Einzig die Illusion der Kulturarbeiter:innen, dass sich irgendwann doch der angemessene Erfolg für die oft langjährige, harte Arbeit einstellt, trägt über die Realität hinweg, dass nur eine ganz kleine Minderheit tatsächlich erfolgreich von der Kunst leben kann. Die große Mehrheit hält sich in Abhängigkeitsverhältnissen über Wasser und steht je nach partnerschaftlichem oder familiärem Hintergrund irgendwann vor der Altersarmut.
Michael Hirsch begegnet dem Phänomen, das wir alle latent kennen und häufig beklagen, mit einer erhellenden Analyse, die einerseits die systembedingten Probleme ins Auge fasst und andererseits die Umgangsweise der Kulturarbeiter:innen. Es ist Zeit damit aufzuhören, das Spektrum von kulturellen Tätigkeiten mit „normaler“ Arbeit gleichzusetzen und damit eine falsche Norm aufzustellen. Mit dem derzeitigen Bild von Professionalität, das auf einer Verschmelzung mit dem Betrieb basiert, wird unbemerkt ein falsches Ziel verfolgt.
Mit seinem Buch plädiert Michael Hirsch für eine „progressive Desillusionierung“, und damit für eine Befreiung des Nützlichkeits-, Anschluss- und Verwertungszwangs. Er nutzt die Metapher eines Esels, dem eine Vorrichtung auf den Rücken gebunden wurde und ihm damit in unerreichbarer Entfernung eine Karotte vor der Nase baumelt, die er nicht zu fassen bekommt solange er ihr hinterherläuft. Es geht darum innezuhalten und nicht länger der Karotte falscher Erwartungen des Betriebs hinterherzulaufen. Stattdessen könnte ein Bewusstseinsprozess beginnen, der mit dem Wandel eines professionellen Selbstbildes beginnt, das auf einem repressiven System falscher Erwartungen basiert.
Je prekärer die Verhältnisse sind, umso härter werden die Ansprüche an die Professionalisierung. Um dieser Dynamik gedanklich etwas entgegen zu stellen, führt Michael Hirsch zu dem Begriff der „progressiven Desillusionierung“ den Begriff der „professionellen Amateure“ ein. Damit geht er auf den Istzustand der Akteure im Kulturbetrieb ein, deren Leben sich selten auf eine mehr oder wenige glückliche Beziehung zum Markt reduziert. Die künstlerischen Praktiken sind durch Nebenjobs und die Arbeit mit Institutionen in den Prozess unterschiedlicher Arbeitswelten integriert, womit das Bild von Professionalität nicht ausschließlich auf den Verkauf von Kunst reduziert werden kann. Wie sich aus unzähligen Erfahrungsberichten ergeben hat, besteht das Leben der meisten Kulturschaffenden aus einem Kombination von unterschiedlichen Tätigkeiten, durch das ein ganz anderes Bild von Professionalität generiert werden müsste, als es derzeit geschieht. Mit dem Begriff der professionellen Amateure versucht Hirsch die falsche Professionalisierung geistiger Arbeit aus dem Kontext von Konkurrenz und schmählichen Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien und dem wahren Leben anzupassen.
Jedes Kapitel seines Buches wird mit einem Zitat unterschiedlicher Schriftsteller:innen ergänzt und damit wird auch der Erkenntnisreichtum sichtbar, der zu einer Neuinterpretation des Eigenwerts kultureller Arbeit und damit auch zu einer anderen Bewertung von Professionalität führen könnte. Mit den Worten von Jaques Rancière ist „die Zugehörigkeit der Künstler zu einer Art Prekariat nicht dasselbe wie die Bohème des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist etwas vollkommen anderes, insofern die Künstler auch an gesellschaftlichen Bedingungen arbeiten, und die Träger gesellschaftlicher Kämpfe sind.“
Die gegenwärtige Krise, die pandemiebedingt die Probleme des Kulturbetriebs nur an die Oberfläche gebracht hat, die auch schon vorher existiert haben, wäre eine Gelegenheit für eine politische Reform. Es müssen nicht nur Ressourcen und Chancen neu verteilt werden, die Umverteilung muss zwangsläufig auch von einer Umwertung des Berufsethos begleitet werden. So lange wir den Betrieb kritisieren, aber weiter machen wie bisher, kann keine grundlegende Veränderung der institutionellen Systeme erwirkt werden. Die Idee von Erfolg und Erlösung, die suggeriert, es sei eigentlich alles in Ordnung, wenn man vielleicht doch noch eine feste Stelle, einen Preis oder das nächste Stipendium erhält, muss entmystifiziert werden, da der Moment der Erlösung für die allermeisten eine Illusion ist. Die nur selten eintretende Aufstiegsbewegung in der künstlerischen Biografie, durch die das Leben gesichert werden sollte, ist in Wirklichkeit die konkrete soziale Unterstützung von Staatshilfen, Künstlersozialkasse, Familie oder sozialer Umgebung. Michael Hirsch ermutigt dazu, das Problem fehlender Anerkennung und persönlichen Enttäuschung kollektiv zu überdenken und eine neues Narrativ zu entwickeln.
Um die konkrete Utopie kultureller und intellektueller Arbeit zu entfalten, schlägt Michael Hirsch „mehr Klassenbewusstsein, mehr politische Aufklärung, Interessenvertretung und Aktion – als auch mehr Romantik, mehr Mythologie des Künstlers und der Intellektuellen als Prototyp eines befreiten Menschen vor.“ Ein Aufruf mehr im eigenen Namen zu sprechen und zu wünschen, als aus den Ansprüchen des professionellen Feldes, durch das ein Teil der Lebensrealität stetig negiert werden muss, um dem Konkurrenzkampf standzuhalten. Das geschärfte Klassenbewusstsein entsteht durch ein Verständnis für die konstitutive Spaltung der Identität, die sich aus der Tatsache ergibt, dass Kulturarbeiter:innen durch Lohnarbeit einerseits zum Proletariat der Gesellschaft gehören und andererseits zu einer Bohème, die Gebrauchswerte produziert, deren Wert noch zunehmen könnte, die im monetären Sinn aber auch wertlos bleiben können. Um dem Widerspruch zu begegnen, der sich aus dem Wunsch einer von Lohnarbeit befreiten künstlerisch-intellektuellen Tätigkeit ergibt, plädiert Hirsch dafür, sich der Dialektik stärker bewusst zu werden und in eine Revision der Erwartungen und Hoffnungen zu gehen, um das konstitutiv Unmögliche dieser Lebens- und Arbeitsform in eine neue künstlerische Lebensweise zu überführen.
Dafür müssen viele Illusionen fallen gelassen werden und es muss über schambehaftete, gerne verschwiegene Dinge gesprochen werden, wie z. B. das Geld, von dem wir wirklich leben und wie zukünftige Arbeitsverhältnisse aussehen müssten, um eine materielle Grundsicherung zu erzeugen. Über die Hilfsprogramme in der Coronakrise hinaus, in der sich gezeigt hat, wie wenig der Staat die Lebensrealität selbstständiger Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen versteht, da sie nicht zu den selbstständigen Gutverdienern gehören, sondern überwiegend Einkünfte haben, die maximal einer sozialen Grundsicherung entsprechen, müssten für das Milieu der Kulturarbeiter:innen besondere Soforthilfen und Schutzrechte gelten. Ähnlich wie in der Landwirtschaft, in der nicht einfach nur rentable Waren produziert werden können, sondern auch eine besondere Ökologie, ein Milieu und eine Kulturlandschaft geschützt werden müssen. Um das Milieu des Kulturbetriebs zu schützen und für die Gesellschaft zu erhalten, sollten besondere materielle Rechte gelten, die in Form von Mindestlöhnen, einem Grundeinkommen und einer Grundrente umgesetzt werden könnten. Dazu könnte eine gerechtere Verteilung von gesellschaftlichen Arbeiten und Arbeitsplätzen eingeführt werden, sowie ein Recht auf bezahlbares Wohnen und die kostenlose Nutzung von öffentlichen Infrastrukturen.
Das Buch von Michael Hirsch ist durchzogen von solidarischen Gedanken, die sich nicht nur durch die Ausführungen zu einer möglichen und angemessenen Verbesserung des Sozialstaats ausdrückt, sondern auch durch die Ermutigung einer neuen Ehrlichkeit der Kulturarbeiter:innen, die maßgeblich daran beteiligt sind, ein neues Verständnis des Eigenwerts ihres Milieus zu schaffen.
Die symbolische Revolution beginnt damit nicht mehr hinter der Karotte herzulaufen, sondern einen neuen Gesellschaftsvertrag abzuschließen. Dieser beinhaltet nach Michael Hirsch nicht nur gemeinsam an einer sozialen Postwachstumsperspektive zu arbeiten, die im kulturellen Bereich genauso benötigt wird wie in der normalen Ökonomie, um Löhne und Reichtümer gerechter zu verteilen. Zum Abbau der Überproduktion im Kulturleben muss zudem eine neue Geschichte erzählt werden, die dem wahren Leben entspricht und dem Versuch von so vielen, die eine symbolische Selbstständigkeit in einer materiellen Abhängigkeit schon längst versuchen.
Michael Hirsch
K – Kulturarbeit
Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure
2022 erschienen im Textem Verlag
Michael Hirsch ist Philosoph, Politologe, Kunsttheoretiker und Autor. Er arbeitet als Privatdozent für Politische Theorie an der Universität Siegen.