Kunst und Gedenken

Erinnerungskultur von unten

Seit Samstag, dem 26. September 2020 steht auf dem südlichen Teil des Oranienplatzes in Berlin-Kreuzberg ein Mahnmal in Gedenken an die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt. Es wurde über Nacht von Aktivist*innen aus dem Umfeld der Initiative #WoIstUnserDenkmal errichtet, die sich im Sommer 2020 aus mehreren antirassistischen Gruppen gegründet hat, um Rassismus und Polizeigewalt öffentlich zu thematisieren. Bündnismitglieder sind unter anderem die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, Migrantifa Berlin und die Kampagne für Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt.

Katinka Theis, Bildende Künstlerin

Denkmal zum Gedenken an die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt, Foto: Katinka Theis

Das Denkmal besteht aus einer Metallplatte mit der Inschrift: „In Gedenken an die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt“ und einer hüfthohen Betonstele. Im Netz war derzeit ein Video zu sehen, wie in Warnwesten gekleidete Aktivist*innen die noch hohle Stele mit Beton füllen und bekannt geben, dass sie einen Denkanstoß schaffen wollen. Die Initiative nahm das über Nacht errichtete Denkmal als willkommenes Objekt für den politischen Diskurs. Ihr Ziel war ab diesem Zeitpunkt der Erhalt und die Legalisierung.

Auf dem Oranienplatz entwickelte sich das selbst errichtete Denkmal in kürzester Zeit zu einem Ort des aktiven Gedenkens für Betroffene rassistischer Gewalt. Aktivistinnen nutzen den Ort für Kundgebungen und Demonstrationen gegen institutionalisierten Rassismus und Racial Profiling, ebenso wie hier die Trauer um entrechtete und ermordete Menschen, deren Geschichte nur selten aufgearbeitet wird ihren Ausdruck findet. Rassistische Polizeiübergriffe kommen nur selten zur Anzeige, da regelmäßig Gegenanzeigen erfolgen oder aussagebereite Zeuginnen fehlen. Durch die Angst vor weiteren negativen Konsequenzen, z.B. für den Aufenthaltsstatus, lassen die Betroffenen die Vorfälle lieber auf sich beruhen. Wenn Opfer einer Straftat, die migrantisch gelesen werden können, darauf verzichten, die Polizei zu rufen, weil sie befürchten müssen, erneut diskriminiert zu werden, ist das ein beschämendes Bild für den demokratischen Rechtsstaat. In dem Sinne kann das Mahnmal auch als sichtbares Zeichen für die Gefahren des Wegsehens und Verschweigens betrachtet werden.

Gegenüber der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg erklärte die Initiative #WoIstUnserDenkmal, wie wichtig es bei dem Thema sei, dass das Denkmal von unten komme und nicht von staatlicher Seite. Die Form ist durch die Selbstvertretung entstanden und könnte auch noch modifiziert werden. Es wird ein leerer Sockel assoziiert, der durch die Nutzung aller Beteiligten immer wieder neu belebt wird. Zum Jahrestag des Hanau-Attentats wurde das Denkmal beispielsweise von der Initiative #SayTheirNames für das Gedenken der neun Menschen genutzt, die der Attentäter von Hanau aus rassistischen Motiven getötet hat. Die ästhetische Gestaltung orientiert sich an traditionellen Denkmälern und stellt in reduzierter Art und Weise die wichtigsten Koordinaten für einen Gedenkort her. Der Ort auf dem Oranienplatz ist für die Initiative nicht verhandelbar, da mit dem Denkmal die Praxis des antifaschistischen Widerstands fortgeführt werden soll und es darum geht, das bestehende Denkmal auch offiziell anzuerkennen. Neben anderen Ereignissen befand sich an der Stelle im Jahr 2014 über Monate ein Camp von Geflüchteten aus afrikanischen Ländern, das 2015 von der Polizei geräumt wurde. Am Jahresanfang 2015 thematisierte hier das „Haus der 28 Türen“ des Künstlerkollektivs BEWEGUNG NURR [Florian Göpfert/ Alekos Hofstetter/ Christian Steuer] die restriktive Flüchtlingspolitik der Europäischen Gemeinschaft. Die Installation wurde gemeinsam mit Geflüchteten aufgebaut und bestand aus 28 aneinandergereihten Türen, welche die EU-Länder symbolisieren und einen großen nach oben offenen Innenraum verschließen. Die Installation wurde am 31. März 2015 durch Brandstiftung zerstört. 

BEWEGUNG NURR©, Das Haus der 28 Türen, nach dem Brand, Foto Robert Sokol

Die Kunstkommission des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg empfahl zur Unterstützung der Initiative einen Kunstwettbewerb, mit dem unter Berücksichtigung des vorhandenen Diskurses eine neue Form für das Denkzeichen gefunden werden könnte. Durch den formalen Prozess eines demokratischen Wettbewerbsverfahrens wäre nicht nur der Ort für das Denkmal gesichert, es gäbe auch einen Schutz durch das Urheberrecht und eine bauliche Absicherung gegen mögliche Risiken, wie z.B. die Rutschgefahr bei Schneelage, die dem Straßen- und Grünflächenamt große Sorgen bereitete. Das Objekt war zu dem Zeitpunkt im Bezirk geduldet, aber nicht genehmigt, wodurch die Verantwortung zu Fragen der Sicherheit in den Händen des Bezirks lag bzw. ungewollt in den Aufgabenbereich des Straßen- und Grünflächenamtes überging. Vielleicht kam es auch deshalb dazu, dass das Denkmal Anfang des Jahres vom Straßen- und Grünflächenamt entsorgt wurde.

Von dem Denkmal fehlte 24 Stunden jede Spur, bis sich durch massiven medialen Druck von der Initiative #WoIstUnserDenkmal herausstellte, dass der 300 kg schwere Betonsockel vom Straßen- und Grünflächenamt „vorübergehend gesichert und eingelagert“ wurde. Wie es dazu kam, ist bis heute nicht bekannt.

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg hatte durch die Fürsprache vieler beteiligter Politiker*innen der Grünen, der SPD und der Linken seit längerer Zeit beschlossen, das Mahnmal auf dem Oranienplatz als „Gedenkzeichen an seinem Ort und als solches anzuerkennen, es weder zu entfernen noch zu versetzen“, wie es im BVV-Beschluss heißt. Die Wirksamkeit dieses Beschlusses scheint sich in der Verwaltung aber nicht verankert zu haben. Das Straßen- und Grünflächenamt stellte den Betonsockel nach ein paar Tagen leicht beschädigt wieder zurück.

Trotz der großen Anerkennung der Initiative #WoIstUnserDenkmal, die es geschafft hat, einen Diskurs anzustoßen und einen Ort zu erkämpfen, an dem Opfer von Rassismus im öffentlichen Raum sichtbar gemacht werden, ist die Historie des Denkmals ein Sinnbild für den Diskurs, durch den es entstanden ist. Zu Beginn stand die Bildung eines Bündnisses vieler Betroffener, die nicht die gleichen Rechte erfahren wie andere und nach einem Ort des Gedenkens suchen. Dann die Errichtung bei Dunkelheit und der Kampf um die Legalisierung.

Das Denkmal lebt durch die Stärke der Selbstermächtigung einer Gemeinschaft, die sich den öffentlichen Raum selbst erobert hat. Die Unterstützung durch die Politik ist erfreulich, aber wäre es nicht eine größere Anerkennung, wenn die Initiative in Form eines demokratisch ausgerichteten Wettbewerbsverfahrens für ein künstlerisches Denkzeichen unterstützt werden könnte? Auf diesem Weg könnte die Bewegung von Unten durch offizielle Anerkennung und Unterstützung auch wirklich abgeholt werden. Zudem dürfen sich künstlerische Formen der Aneignung auch verwandeln und weiterentwickeln, um lebendig zu bleiben. Ein Kunstwettbewerb könnte ein weiterer Schritt sein, das Thema von anderer Seite in die Öffentlichkeit zu tragen und das Anliegen der Sichtbarmachung von Rassismus und Polizeigewalt nochmal auf einer anderen Ebene anzuerkennen.