Kunst und Gedenken

Gedenken im Dialog. Vlado Martek in Berlin und Patricia Pisani in Zagreb

Patricia Pisani, TRANSITION, 21. September 2024, Dotrščina-Gedenkpark, Zagreb. Foto ©️ Ivan Buvinić / Virtualni muzej Dotrščina

Dotrščina, der wichtigste Gedenkort Zagrebs, wird künstlerisch und kulturell mit Gedenkorten ähnlichen Charakters und Status vernetzt: der erste Austausch gilt der Berliner Gedenkstätte Murellenberg, in der Nähe des Olympiastadions. In beiden europäischen Metropolen handelt es sich um heute idyllische Parkwälder am Stadtrand, die im Zweiten Weltkrieg als Massenhinrichtungsstätte dienten. Lange Zeit war die Geschichte dieser Orte in Vergessenheit geraten.

Die Anregung zum Dialog geht auf Saša Šimpraga, den Initiator des Virtuellen Museums von Dotrščina in Zagreb, zurück – mit Unterstützung des dortigen Goethe-Instituts und anderer Partner. Die Künstler*innen hatten jeweils bereits am anderen Ort interveniert.

Helen Adkins
Kunsthistorikerin und freie Kuratorin

Im Internet ist die Gedenkstätte unter „Mahnmal Ehemalige Wehrmachterschießungsstätte Ruhleben Murellenberg“ zu finden (http://www.denkzeichen-am-murellenberg.de). Der Zugang zur Gedenkstätte liegt direkt neben der Waldbühne.

Dotrščina-Gedenkpark, Zagreb

Dotrščina ist der Ort des größten Massenverbrechens in der Geschichte Zagrebs. Während des Zweiten Weltkriegs wurden dort über 7.000 Bürgerinnen, Antifaschistinnen, Serbinnen, Jüdinnen und andere Opfer durch das mit Nazideutschland verbündete Ustascha-Regime getötet. Ab 1968 entstand in Dotrščina ein Gedenkpark mit Skulpturen. Mit dem Zerfall Jugoslawiens und der Änderung des politischen Systems wurde Dotrščina in den frühen 1990er Jahren aus der offiziellen Erinnerungspolitik gestrichen. Teilweise versuchte man sogar in den 1990er Jahren, das Morden des Ustascha-Regimes den Partisan*innen zuzuschreiben. Das Ziel des 2012 angelegten Virtuellen Museums Dotrščina besteht darin, Werte der Menschlichkeit zu vermitteln.

Gedenkstätte Murellenberg, Berlin

Das NS-Regime richtete am Murellenberg eine Erschießungsstätte für Deserteure und sogenannte „Wehrkraftzersetzer“ ein. Auf diesem Gelände wurden nach heutiger Erkenntnis zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945[1] mindestens 232 Personen, überwiegend Wehrmachtsangehörige, exekutiert. Der genaue Ort der Erschießungen konnte bisher nicht ermittelt werden. Erst 2009 wurden sämtliche Verurteilungen der NS-Militärjustiz wegen „Kriegsverrats“ in Deutschland aufgehoben. Von den geschätzten 200.000 aktiven Beteiligten des Nazi-Regimes an der Ermordung von Millionen von Zivilisten wurden lediglich ca. 7.000 juristisch belangt.

Die Gedenkstätte besteht aus einem idyllischen, knapp ein Kilometer langen Waldweg, der mit einer steilen steinernen Treppe beginnt, sich den Hügel hinaufschlängelt und schließlich an den Rand einer versteckten Schlucht führt. 2002 realisierte die in Berlin lebende argentinische Künstlerin Patricia Pisani dort die Installation „Denkzeichen“, um an die Opfer zu erinnern.

Aktion und Intervention

Die Aktion des kroatischen Künstlers Vlado Martek, „Befähigt zum Idealismus. Der größte Sieg ist der Sieg der Kunst“, im Rahmen des „Šumaljudi“ („Menschenwald“) Projekts am Murellenberg fand am 8. Juni 2024 statt. Sie bestand aus diskreten Installationen, die in einer von Martek begleiteten Personengruppe entlang des Weges erkundet werden konnten. Nach der Rückkehr zum Ausgangspunkt war von der Aktion nichts mehr zu sehen.

Im Gegenzug realisierte Patricia Pisani am 21. September 2024, dem Weltfriedenstag, die künstlerische Arbeit „TRANSITION“ im Dotrščina-Gedenkpark. Ihre temporäre Intervention bestand aus drei Zebrastreifen, die mit Kalkkreide quer zu den gepflasterten Wegen aufgetragen wurden. Ein Jahr später sind immer noch Spuren der Markierungen sichtbar.

Die künstlerischen Anfänge von Vlado Martek (*1951, Zagreb), Literaturwissenschaftler und Philosoph, reichen bis in die 1970er Jahre zurück. Die gewaltvollen Machtwechsel in Zentraleuropa mit bewegten Grenzverläufen und verschachtelten Kulturkreisen widersprechen jeglichem Konzept von Beständigkeit. Dieser Hintergrund ist wesentlich für Marteks Botschaft.

Er beschreibt den Weg am Murellenberg als „eine typische Route des Lebens“. Seine Objektgedichte sind auf Zellophanfolie geschriebene, irritierende Anweisungen und Weisheiten, die sich der Natur anschmiegen. Ergänzt werden diese durch Arrangements von Bleistiften, unbeschriebenen Din A4 Blättern und Berlin Bildpostkarten sowie Versammlungen von Anspitzern und Radiergummis. Die „Werkzeuge“ für eine potentielle Wortmitteilung stehen als Metaphern für Auslöschung und Korrektur bereit.

Zu Beginn des Waldspaziergangs fordert uns Martek schriftlich auf, Gedichte von Else Lasker-Schüler, Lyrikerin der Liebe, zu lesen. Er geht allerdings nicht davon aus, dass seinem Aufruf gefolgt wird. Vielmehr handelt es sich um die Sichtbarmachung der Widersprüche einer Anweisung.

Etwas weiter, um einen Baum versammelt, stehen viele kleine rote Bleistifte senkrecht in der Erde. Sie versinnbildlichen die Rückkehr zum Holz aus dem sie stammen und suggerieren den Kreislauf des Lebens. In Zellophanfolie eingewickelte Stifte sind symbolträchtig: die kaum sichtbaren schwarzen stehen für den „beharrlichen Teufel“, den schleichenden Faschismus, der jederzeit ausgepackt werden kann. Die roten sind ein wenig erkennbarer und spielen auf Leben und Erneuerung an. Eingepackte weiße Stifte liegen separat.

Die Nähe zur Natur ist für Vlado Martek wesentlich. Er spricht von Sublimierung der Gedanken, also Veredelung und Auflösung. Entsprechend werden auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt alle eingesetzten Gegenstände wieder sorgfältig eingesammelt.

Vlado Martek, Befähigt zum Idealismus. Der größte Sieg ist der Sieg der Kunst, 8. Juni 2024, Gedenkstätte Murellenberg, Berlin. Foto ©️ Jadranko Marjanović / Virtualni muzej Dotrščina

Patricia Pisani (*1958, Buenos Aires), Bildhauerin und Kunsterzieherin, lebt und arbeitet seit 1990 in Deutschland. Als junge Frau erlebte sie die Grausamkeiten der Militärdiktatur in Argentinien. Die politische Kultur ihres Geburtslandes war von Gewalt, Repression, Folter und Verfolgung geprägt.

Pisanis kontextbezogene Kunstprojekte dienen vielfach der Gedenkkultur. Themen sind Auswüchse des Staatsterrorismus, Morde und Verhaftungen unter der NS-Diktatur, Erziehungsanstalten, Deportationen, Euthanasie, aber auch die Haftanstalten und Grenzanlagen der ehemaligen DDR, Rassismus und Flucht. Pisani benutzt gerne allgemein-verständliches, visuelles “Vokabular” wie rot-weiß gestreiftes Absperrband. Prägnante Elemente der Straßenverkehrsordnung wie Ampelanlagen, Spiegel und Zebrastreifen gehören ebenfalls zu ihren Arbeitsmitteln, die sie konzeptuell in ihre Arbeiten integriert.

In der dauerhaften Installation „Denkzeichen“ am Murellenberg, wo heute Natur dominiert, setzt sie Verkehrsspiegel ein. Für die Waldliebhaber*innen bedeutet das eine wesentliche Irritation, die die Aufmerksamkeit auf einen Fremdkörper lenkt. Pisani zufolge sollen die Verkehrsspiegel „einer Gefahr vorbeugen, in dem sie etwas sichtbar machen, was außerhalb des Blickfelds liegt.“

Im Gespräch zum Auftakt der Intervention „TRANSITION“ in Dotrščina betonte Pisani die Universalität schwierigen historischen Erbes. Ihre im angepassten Maßstab angelegten Fußgänger-Übergänge mit jeweils sechs weißen Streifen, kreuzen gepflasterte Parkwege und reichen darüber hinaus in den seitlich gelegenen Wald hinein. Die strenge Anordnung der Markierungen kontrastiert visuell mit der Parkidylle. Was haben Übergänge auf einem Parkweg zu suchen, wo es weder Kreuzung noch Verkehr gibt? Es ist ein Aufruf, Acht zu geben und ein Infragestellen von Gesetzesordnungen.[9] Spaziergänger*innen werden aufgefordert, innezuhalten und genau hinzuschauen. Vielleicht überqueren hier die Seelen der Ermordeten die Wege der Lebenden. 

„TRANSITION“ wirkt wie ein kurzfristiges Wachrütteln der Erinnerung an eine schändliche Historie. Ebenso wie bei „Šumaljudi“, wird der Inhalt der Intervention durch eine minimalistische Ästhetik metaphorisch unterstützt. An diesen Orten ist furchtbares, jedoch heute unsichtbares Unrecht passiert. Die leisen Installationen sind poetische Angebote, über elementare Fragen nachzudenken.

Gerade in Anbetracht der aktuellen Weltlage, in der ein global erstarkender Faschismus droht, ist es nötiger denn je an die vom deutschen Nationalsozialismus bzw. dem Quisling-Ustascha-Regime ermordeten Widerständler*innen zu erinnern. Menschen, die den Mut hatten, sich den Diktaturen nicht zu beugen, dürfen nicht umsonst gestorben sein.