Kunst im Stadtraum

Kooperative Kunststrategien und Beteiligungspotentiale im öffentlichen Raum

Die Retrospektive der Citizen Art Days bei ExRotaprint im Projektraum. Foto Khashayar Zandyavari/Citizen Art Days 2025

Zur Citizen Art Days-Retrospektive
Eine Ausstellung mit Begleitprogramm sowie eine Buchpublikation, beide unter dem Titel „Kooperative Kunststrategien und Beteiligungspotentiale im öffentlichen Raum“, lud im Oktober zur Retrospektive auf die Citizen Art Days (2012–2023) ein. Ermöglicht wurde das Projekt durch ein Stipendium des Berliner Senats für „Präsentationen zeitgenössischer bildender Kunst“.

Hildegard Kurt
Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Künstlerin

Vielstimmigkeit ohne Beliebigkeit
Über elf Jahre hinweg, mit Ausgaben in Berlin und weltweit, stand das kollektive Kunstprojekt Citizen Art Days (CAD) in der Berliner Tradition, Bürger*innen in die Gestaltung des öffentlichen Raums einzubeziehen. Gleichzeitig gingen sie darüber hinaus: „In einem fokussierten Rahmen Modelle selbstbestimmter Wissensaneignung und Vermittlung sowie gesellschaftliche Gestaltung und kreative Teilhabe zu erproben, war in dieser Programmatik neu, das spürten wir“, schreiben Oscar Ardila, Stefan Krüskemper und Kerstin Polzin vom Citi- zen Art Days e. V. als Herausgeber*innen in ihrem Vorwort zur Publikation. Das Buch collagiert Zeichnungen, Schemata, Karten und Fotografien mit dokumentarischem Material und Texten eingeladener Autor*innen. Kompass sind geteilte Werte wie Partizipation, Respekt, Fürsorge und Demokratie. Entstanden ist ein ebenso informatives wie inspirierendes Künstler*innenbuch, das in unruhigen Zeiten Vielstimmigkeit feiert, fern von Beliebigkeit, was den besonderen Spirit der Citizen Art Days erfahrbar macht. Schon die Pilotveranstaltung 2012 im Freien Museum Berlin zeigte, worum es ging: Statt von oben zu kuratieren, brachten sich die Initiator*innen der CAD künstlerisch ein, partizipierten am Geschehen – als Ermöglichende, Raumhaltende und Impulsgebende auf Augenhöhe mit sehr vielfältigen Mitwirkenden. Dieses Klima des Vertrauens und Respekts machte deutlich: Hier standen keine Künstler*innen-Egos im Vordergrund, sondern Akteur*innen, deren performative und diskursive Kompetenz mit ethischer Integrität verbunden war. So gelang es, auch Menschen einzubeziehen, die sich nicht als Künstler*innen definieren, und Initiativen anzustoßen, die weit über die Dauer des Projekts hinaus wirkten.

Das Themenfeld »Demokratie, ein kostbares Gut«beschäftigt sich auf dem »Campus für Kunst undDemokratie« auf dem ehemaligen Gelände der Sta-si in der Ruschestraße in Berlin mit der Frage wasein gemeinsames Wirken in der Gesellschaft be-fördert. Abgebildet ist die Aktion »Tohubassbuuh«des Duos bankleer. Foto Citizen Art Days 2016

Die Welt veränderbar denken
Tatsächlich blieben die CAD, während sie von Anfang an politisch und gesellschaftlich kontroverse Fragen kritisch in den Blick nahmen, nie bei bloßer Kritik stehen. Ihr Ziel war es, Räume zu schaffen, in denen Handlungs- und Gestaltungsoptionen kollektiv erprobt werden konnten – ohne ideologische Verengung, aber mit dem Anspruch, gesellschaftliche Veränderung denkbar und erfahrbar zu machen. Damit knüpften sie an der Sozialen Plastik (Joseph Beuys) als einer Leitidee der CAD an, nicht als Parole, sondern als gelebte Praxis. Schauplätze dieses „kreativen Wir“ waren vorwiegend kunstferne und schwellenarme öffentliche Räume, etwa das ehemalige Stasi-Gelände (2016) oder der Schäfersee in Berlin-Reinickendorf (2023). Hier entstanden Modelle selbstbestimmter Wissensvermittlung und Teilhabe, deren Wirkung bis heute nachhallt. Die Entwicklung des Campus der Demokratie zeugt davon. So setzten die CAD in Berlin deutliche Gegenakzente zu einer Kulturpolitik, die zunehmend auf Konsumierbarkeit setzt. Auch wenn das Format als solches beendet ist, bleibt sein Impuls lebendig. „Er trägt sich weiter in neue Projekte, neue Formen, neue Allianzen. „Denn Demokratie – wie partizipative Kunst – ist kein erreichter Zustand, sondern ein Prozess, der gepflegt, geübt, verhandelt und immer wieder neu erfunden werden muss.“, so die Herausgeber*innen des Buches.

Im Themenfeld »Die Kraft der Erinnerung« werdenProjekte der CAD gezeigt, die sich mit der ge-meinsamen Arbeit an der Erinnerung auseinander-setzten, wie hier im Centro de Memoria, Paz yReconciliación in Kolumbien 2014.Foto Citizen Art Days

Prekariat im gesellschaftlichen und ökologischen Kontext
Der Rückblick macht deutlich, wie stark sich die Rahmenbedingungen seit Beginn der 2010er Jahre verändert haben. Heute dominieren Krisenszenarien und ein Klima der Angst: vor ökologischen Kipppunkten, vor gesellschaftlicher Rechtsentwicklung, vor einer Zukunft, die mehr Bedrohung als Hoffnung verheißt. Im Kunst- und Kulturbereich wächst die Gefahr von Selbstzensur unter dem Druck autoritärer Verschiebung. Wo gibt es Räume, in denen offen, kritisch und ungeschützt über diese Ängste gesprochen werden kann? Das Prekariat betrifft längst nicht mehr nur bestimmte Berufs- und Bevölkerungsgruppen – Künstler*innen eingeschlossen –, sondern auch die ökologischen Grundlagen des Lebens. Großflächige Brände, Dürren, Artensterben und der Verlust fruchtbarer Böden verweisen auf das Kippen von Gleichgewichten. Die Umwelt – für die Moderne nichts als passive Kulisse und Ressource – fordert inzwischen unmissverständlich politische Aufmerksamkeit, was die zutiefst ignoranten, respektlosen Praktiken der herrschenden Zivilisation angeht. Vielerorts entstehen Bestrebungen, die Sphären der Politik, des Rechts, des Sozialen so zu erweitern, dass auch nichtmenschliche Akteure bei Entscheidungsprozessen einbezogen werden. Könnte hier das Erbe der CAD neue Allianzen inspirieren? In relationalen Kunstpraxen über die Humansphäre hinaus und in Demokratieformaten mit biokratischem Horizont? Die Aktionen am Berliner Schäfersee 2022/23 – als letzte Ausgabe der CAD in der Publikation unter dem Titel „Dreckig werden und untertauchen“ dokumentiert, erprobten bereits künstlerische Formate für neue Formen der Wahrnehmung, der Fürsorge und gemeinschaftlichen Verantwortung:, „sinnlich, situativ und offen für langfristiges Lernen“. Dabei brachte die mitwirkende Künstlerin Marcela Moraga diesen wegweisenden Ausspruch von Berta Cáceres, honduranische Aktivistin für Menschenrechte und Naturschutz vom Gualcarque-Fluss ein: „Ich wusste, wie schwer es werden würde. Aber ich wusste auch, dass wir es schaffen würden. Der Fluss hat es mir gesagt.“

Unter »Magie der Orte« sind Projekte zu sehen,die sich mit den Prozessen der Umgestaltung desStadtraums zwischen Vielfalt und Segregationbeschäftigen. Abbildung: Zu den CAD 2013 in derMarkthalle neun in Kreuzberg fanden Exkursionen,durchgeführt von ID22 statt, die Verdrängungs-prozesse sichtbar machten. Foto Karsten Thielker/Citizen Art Days 2013

Kollektive kritische Autonomie
Unweit von ExRotaprint im Wedding, wo im Oktober die Ausstellung zur CAD-Retrospektive stattfindet, liegt seit 2019 auf einer zugewachsenen Brache das Staatsgebiet der „Organismendemokratie Berlin Osloer Straße“, initiiert von der Künstler*innengruppe Club Real. Weitere solche Staatsgebiete gibt es aktuell in Augsburg und in NRW. Wem gehört die Stadt? Wer lebt auf öffentlichen Grünflächen und wer entscheidet, was dort passiert? Auf diese Fragen findet die „Organismendemokratie“ ganz neue Antworten: Alle Lebewesen der jeweiligen Gemeinschaft – von der Schnecke über den Eschenahorn bis zum Wurzelknöllchenbakterium – haben die gleichen politischen Rechte. Ein bis zweimal jährlich tagt ein „Parlament der Lebewesen“ und entscheidet über die Zukunft der Fläche. Dabei kommen menschliche und nicht-menschliche Akteure in ihrer ganzen Vielfalt gleichermaßen zu Wort. Poetisch, spekulativ und zugleich wissenschaftlich erkundet diese Initiative „Resonanzbeziehungen“ (Hartmut Rosa) als Grundlage für die Weiterentwicklung von Demokratie ebenso wie für die Verteidigung der Rechte alles Lebendigen. Genau hier setzt auch das Postulat der CAD-Publikation an: „In einem Umfeld, in dem institutionelle Strukturen immer brüchiger oder ausschließender werden, ist es entscheidend, eine kollektive kritische Autonomie zu bekräftigen. Gemeint ist dabei keine isolierte Autonomie, sondern eine, die ihre Handlungsfähigkeit aus gemeinschaftlichen Bindungen, gegenseitiger Fürsorge und klarer Zielsetzung bezieht.“