Wettbewerbe
Kunst am Bau für die Wedding Advanced Laboratories
»Cringe, zwischen parodistischer Verzerrung und mimetischer Ernsthaftigkeit«
Der zentrale Campus der Berliner Hochschule für Technik (BHT) liegt im Ortsteil Wedding des Bezirks Mitte von Berlin, nördlich des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals. Thomas Müller Ivan Reimann Architekten haben dort ein neues Gebäude realisiert, die Wedding Advanced Laboratories (WAL), gelegen zwischen dem Musiktheater Atze und der BHT-Mensa. Bereits zu Beginn des Kunstwettbewerbs, Anfang 2024, war der skulptural wirkende Korpus des Rohbaus mit den markant dunkelgrün glasierten Keramikelementen der Fassade weitgehend fertiggestellt.
Birgit Schlieps
Bildende Künstlerin
Zu Beginn der 2. Phase im Oktober 2024 konnte zudem die charakteristische Farbgestaltung von Friederike Tebbe, Studio Farbarchiv, im Foyer und den oberen Stockwerken vor Ort besichtigt werden. Zur Verfügung standen drei Kunststandorte im Außenbereich: der Eingangsbereich an der Luxemburger Straße mit Zugang zum zentralen Campusweg, die rückwärtig zum Neubau gelegene Esplanade und der Vorplatz am Haupteingang gegenüber der Mensa. Im Innenbereich gab es vier mögliche Standorte: die Foyerwand über der Pförtnerloge, die Treppenhauswand im Foyer EG/UG, die Wandflächen der Foyers 2. – 4. OG und die Wandflächen der Laborflure 1. – 4. OG.
Gesucht waren künstlerische Entwürfe für einen oder mehrere Standorte, die einen identitätsstiftenden Bezug zum Campus herstellen – sowohl im architektonischen und räumlichen als auch im sozialen Kontext. Die 1. Phase war ein unhonorierter Ideenwettbewerb, bei dem die Jury ausdrücklich mögliche Entwicklungspotenziale berücksichtigen sollte.
Bei der Sichtung der 110 zugelassenen Entwürfe fiel die zurückhaltende Auseinandersetzung mit dem Außenraum auf. Dies wurde durch die Tatsache erklärt, dass es bereits viele Elemente im Außenraum gibt, wie die Stahlskulptur von Rüdiger Roehl aus den 1990er Jahren vor dem Haus Beuth, technische Wandbilder in rot-schwarz-blau und westlich des WAL-Gebäudes einen Dreizylindermotor mit gusseisernem Schwungrad und die Überreste des ehemaligen Schriftzugs „Beuth Hochschule für Technik“.
Hintergrund: Ab 2009 trug die Hochschule den Namen des Bildungsreformers Christian Peter Wilhelm Beuth (1781–1852), der die Grundlage für die Professionalisierung der handwerklich-technischen Ausbildung schuf. Nach einem hochschulweiten Diskurs über antisemitische Äußerungen und Handlungen des Namensgebers wurde die Benennung 2021 geändert.
Ein Entwurf der ersten Phase griff diesen Diskurs explizit auf: „Leitbild“ bezog sich auf eine AStA-Aktion von 2019, bei der der Schriftzug „Beuth“ verhüllt worden war, was schließlich zur offiziellen Demontage der Buchstaben führte. Vorgeschlagen wurde, die verhüllten Buchstaben in Beton nachzubilden, um den Diskurs dauerhaft sichtbar zu machen. Die Jury verwies darauf, dass bereits im Treppenhaus des Hauses Beuth eine Ausstellung zur Aufarbeitung existiert. Damit verbunden stellte sich die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Zeitgeist. Die Fachpreisrichter*innen betonten, dass Kunst stets den Geist ihrer Epoche widerspiegelt. Welche Kunst gut altern werde, sei kaum verlässlich einzuschätzen.
Seitens der Hochschule bestand der Wunsch nach einem markanten Zeichen am Eingangsbereich zum Campusgelände gegenüber dem denkmalgeschützten Musiktheater Atze. Ein metallenes, ringförmiges Band mit vier Schlaufen, begehbar oder zu übersteigen, wurde kurzzeitig favorisiert. Ebenfalls diskutiert wurden graffitiartige Schriftzüge, „Wedding Advanced Laboratories“, auf Aluminiumelementen, die ironisch das gewünschte Aushängeschild konterkarieren, aber wegen der leichten Überschreibbarkeit keine Akzeptanz fanden.
Drei Entwürfe, die sich mit dem Außenraum beschäftigen, gelangten in die 2. Phase.
Fe.Cr.Ni.Mo.Mn.Si.C von Rafael Warmka
Neun unterschiedlich große Edelstahlbehälter der chemischen Industrie sollten als Skulpturen auf schwarzen Betonsockeln entlang der Esplanade präsentiert werden. Zusätzlich sollten Periodensystem-Buchstaben und -Zahlen aus Edelstahl bündig in schwarze Betonkacheln vor dem Haupteingang eingelassen werden. Positiv hervorgehoben wurden Konzept, Recyclingidee und die Lokalisierung an mehreren Orten. Kritisch gesehen wurde die enge Bindung an rein angewandte Chemie ohne Bezug zur tatsächlichen Forschung der BHT.
Versuch von Jens Reinert
Drei individuell verschiedene, miteinander verbundene vielgliedrige Maschinenwesen sollen am Campus-Eingang positioniert werden. Die Idee ist spielerisch, ansprechend für Studierende, Passant*innen und Kinder.
Gedankenexperiment von Manuela Fersen
Ein Röhrensystem, das Innen- und Außenraum verbindet, ohne vordergründig skulptural zu wirken. Die Röhren durchbrechen Wände im Foyer und im Außenraum (Luxemburger Straße, Esplanade), reagieren in ihrer Maßstäblichkeit auf ihre Umgebung und erinnern an haustechnische Infrastrukturen.
Für den Innenbereich gibt es mehrere Entwürfe, die in der medialen Ausformulierung verschiedener Themen zu wolkigen Gebilden werden.
genius loci von Ute Vorkoeper
Ein „guter Geist“ für den Ort – schwebende, spektral schillernde Objekte, die nahtlos in Wandzeichnungen übergehen, inspiriert u. a. durch die geplante wellenförmige Pendelleuchte im Foyer. In der 2. Phase fehlt der Arbeit in der materiellen Ausarbeitung eines Musterstücks die, über die Plandarstellungen vermittelte optische Illusion des kaum wahrnehmbaren Hinübergleitens von der 2. in die 3. Dimension.
Leider schafft es eine zweite Arbeit trotz Rückholantrag nicht, weiterzukommen. „Archimedes Wolkenbildung“ entwirft aufgemalte blaue Linienmuster auf Keramikfliesen, die in der Zusammensetzung wie Collagen aus Papier aussehen und teilweise in ihrer unvermittelten Positionierung den Raum zu sprengen scheinen. Beiden Arbeiten die Chance zur Weiterbearbeitung zu geben und vergleichend diskutieren zu können, hätte sehr interessant sein können.
Die Arbeit „Femmes Fundamental“ hat eine archäologische Herangehensweise mit orangefarbenen, extrem belastbaren Kunstfasernetzen, unsichtbar/sichtbar in Betonplatten integriert, ergänzt durch Gipsreliefs mit den Namen vergessener Wissenschaftlerinnen. In der Diskussion des Preisgerichts wird deutlich, dass architektonische Konzepte häufig in einem Spannungsverhältnis zur Kunst stehen und ein „Stören“– in diesem Fall eine scheinbare „Verletzung“ der Kubatur – nicht akzeptiert wird.
Überraschenderweise wird eine Arbeit für die 2. Phase ausgewählt, die einen evolutionären Prozess des Werdens vorschlägt, der partizipativ mit Studierenden entsteht und einen unabgeschlossenen Charakter haben soll. Die Chance zur Konkretisierung dieser Versuchsanordnung wurde leider nicht genutzt.
VIER AUGEN PRINZIP von Thilo Droste
Der Entwurf erzeugt spannende und irritierende Effekte im Foyer, die mit der bestehenden Architektur interagieren, indem sie die Pförtnerloge und den Treppenlauf optisch verdoppeln. Die konzeptionelle Strenge dieser Arbeit wird leider in der Überarbeitung durch das hinzugefügte Periodensystem in den Fenstern der verdoppelten Pförtnerloge abgeschwächt.
HANDS-ON! von Stefanie Herr
schlägt verschiedene fotografisch festgehaltene Handgesten in Laborhandschuhen vor. Der Materialwechsel von bedruckten Aluminiumketten zu keramischen Wandarbeiten in verschiedenen Farben sowie deren Dimensionierung und Einfassung werden kontrovers diskutiert.
bleib mutig von Werner Weber
ist ebenfalls ein Entwurf, der in der 2. Bearbeitungsphase nicht mehr überzeugt. In Bezug auf die widerständige Haltung, die zur historischen Aufarbeitung des ehemaligen Namensgebers der Hochschule führte, werden die Wörter „bleib“ in Rosa über der Pförtnerloge und „mutig“ in Hellgrün an der Treppenwand zum Untergeschoss mit Tropfnasen aufgemalt. Der spontane Gestus der Arbeit wird in der Neufassung durch Hinzufügung von „Ohne“ und „Sorge“ geschwächt.
TAKE OFF von Liudmila Sotnikova
Der Entwurf mit abgestreiften Laborhandschuhen in poliertem Aluminiumguss beeindruckt mit seiner Größe und Positionierung über der Pförtnerloge. Das Relief ist eine starke Setzung und kann als Signet für das Laborgebäude verstanden werden. Der zweideutige Titel TAKE OFF steht einerseits für eine Aufbruchsstimmung und andererseits für ein Beenden, auch wenn mit dem Abstreifen der Handschuhe die wissenschaftliche Arbeit noch lange nicht zu Ende ist. Die Arbeit erhält schließlich den 3. Rang.
10:01 von Zoltan Labas & An Seebach
Über der Pförtnerloge wird auf weißem Grund eine graue Zeichenschablone mit chemischen Laborgeräten aufgemalt. Der Entwurf sieht vor, dass der Pförtner in einer täglichen Zeremonie des Innehaltens in der Zeit von 10:01 bis 10:05 mit Hilfsstangen die Position der Keramikmaus an der unteren Kante des Wandbilds verändert und den Glockenton einer dreidimensionalen Virussimulation anschlägt. Die Umsetzbarkeit des geplanten Einsatzes des ständig wechselnden Sicherheitspersonals und der Vorschlag für Souvenirs und Give-aways werden als unrealistisch beurteilt.
Der Stoff aus dem das Leben ist von Gunhild Kreutzer
Sechsundzwanzig vergoldete alchimistische Symbole verteilen sich über die Wände und werden über Hinweistafeln mit zeitgenössischen Titeln versehen. Der Vorschlag bietet neue Bedeutungsebenen und initiiert individuelle Interpretationsmöglichkeiten mit einer kritischen Perspektive auf Codierung und Tradierung von Wissen. Kontrovers diskutiert werden Dimension, Ausrichtung und Verortung der einzelnen Objekte, sowie die Nachhaltigkeit der etwas bemüht wirkenden neuen Bedeutungsaufladungen der ausgewählten Symbole.
Gedankenexperiment von Manuela Fersen
Die Arbeit, die den Eingangs- und Außenbereich imaginär über Röhren miteinander verbindet, erinnert an das fiktive Metro-Netze (Metro-Net) von Martin Kippenberger. Die Farbwahl und die Beschriftung ironisieren das System technischer Röhren. Obwohl der Beitrag die Erwartungen an öffentliche Kunst unterläuft, verleiht er dem Gebäude eine ganzräumliche Signatur. Die humorvoll hintersinnige, verschiedene Räume verbindende Arbeit erhielt den 2. Rang.
Der Auslober hatte nicht vorgesehen, mehrere Entwürfe zu realisieren, auch wenn es die vorhandenen Mittel hergegeben hätten. Die Chance einer zusätzlichen Ausführung wurde zugunsten einer solitären Realisierung der Arbeit Mad Scientists vertan.
Mad Scientists von Jörg Lange
besteht aus einer Sammlung fiktiver Wissenschaftler*innen aus Science-Fiction, Literatur, Cartoon, Film, Theater und Gaming, die laut Erläuterungstext in der Öffentlichkeit präsenter seien als „echte“ Wissenschaftler*innen.
Jeweils 23 Namen, umgesetzt mit spiegelnden, goldfarbenen Edelstahl-Lettern, werden auf den Wandflächen hinter den Sitzbänken vom 2. bis 4. Obergeschoss montiert. Die Arbeit ergänzt subtil das räumliche und gestalterische Konzept des Gebäudes. Es erinnert an die Nennung privater Förder- und Sponsor*innen angelsächsischer Universitäten. Die Namen können in Referenz zum Konzept ergänzt oder verändert werden. Die goldenen Schriftzüge reflektieren Licht und spiegeln gleichzeitig die Umgebung. Sie laden Studierende und Lehrende dazu ein, frei zu assoziieren, die Identität der Figuren zu erforschen und retroaktiv ihre eigenen Standpunkte und das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit zu reflektieren. Kritisch bleibt die Gefahr einer Verharmlosung: Wenn „Mad People“ als Vorbilder missverstanden würden, könnte der ironische Bezug ins Gegenteil kippen. Dennoch bietet die Arbeit Potential für diskursive Auseinandersetzung mit einem emanzipatorischen Momentum. – „Cringe“ eben.
Neubau eines Laborgebäudes für die Berliner Hochschule für Technik (BHT) am Campus Mitte
Offener zweiphasiger Kunstwettbewerb
Preisgerichtssitzungen: 24. und 25. September 2024 (1. Phase), 11. Februar 2025 (2. Phase)
Auslober: Land Berlin
Wettbewerbsart: Weltweit offener, anonymer, zweiphasiger Kunstwettbewerb
Wettbewerbsteilnehmerinnen: 1. Phase: 144 Einreichungen, davon 110 Entwürfe zur Beurteilung zugelassen, 12 Entwürfe wurden zur 2. Phase eingeladen; 2. Phase: 11 Einreichungen mit Entwürfen von: Thilo Droste, Manuela Fersen, Stefanie Herr, Gunhild Kreuzer, Zoltan Labas & An Seebach,
Jörg Lange, Jens Reinert, Liudmila Sotnikova, Ute Vorkoeper, Rafael Wamka, Werner Weber
Realisierungsbetrag: 300.000 EUR
Entwurfshonorar: 100.000 EUR
Preisgelder: 16.000 EUR
Aufwandsentschädigung 2. Phase: 4.000 EUR
Verfahrenskosten:
Fachpreisrichter*innen: Fritz Balthaus, Via Lewandowsky, Dr. Birgit Schlieps, Prof. Dr. Frieder Schnock (Vorsitzender des Preisgerichts)
Ständig anwesende stellvertretende Fachpreisrichterin: Prof. Barbara Wille
Sachpreisrichter*innen: Prof. Dr.-Ing. Hans Gerber (Erster Vizepräsident der Berliner Hochschule für Technik), Ivan Reimann (Thomas Müller Ivan Reimann Architekten), Dr. Christian von Oppen (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen)
Ständig stellvertretende Preisrichter*in: Sophie-Charlotte Gatzke (Berliner Hochschule für Technik)
Wettbewerbsbetreuung: Dorothea Strube
Vorprüfung: Dorothea Strube (Kunstvermittlung, Kunstmanagement) und Anke Kugelmann (Kunsthistorikerin) mit Felix Hampel, (Kulturwissenschaftler), Anne Kern (Künstlerin)
Ausführungsempfehlung zugunsten von Jörg Lange, Mad Scientists