Wettbewerbe
Kunst am Bau in Reinickendorf
Die Förderung von Kunst am Bau gehört als Teil unserer demokratischen Kultur zum Selbstverständnis des Landes Berlin. Kunst am Bau strukturiert und markiert Gebäude und Stadträume, indem sie visuelle Akzente setzt, Funktionen begleitet und Orte des Nachdenkens und des Dialogs entstehen lässt. Sie setzt sich mit der historischen, sozialen und architektonischen Vielschichtigkeit der jeweiligen Orte auseinander und unterbricht den Fluss des Alltags zugunsten assoziationsreicher Freiräume.
Sabine Ziegenrücker
Fachbereichsleitung Kunst und Geschichte Reinickendorf
In Reinickendorf haben die Bauvorhaben der Berliner Schulbauoffensive und des Programms der nachhaltigen Erneuerung zu einer Wiederbelebung und neuen Sichtbarkeit von Kunst am Bau geführt. Drei Wettbewerbsverfahren konnten bereits 2024 abgeschlossen werden. Weitere werden folgen, da die öffentliche Hand im Rahmen von Infrastrukturmaßnahmen verpflichtet ist, zeitgenössische Formen künstlerischer Gestaltung zu berücksichtigen. Nach einem festgelegten Schlüssel erfolgt die Finanzierung von Kunst am Bau aus Mitteln für öffentliche Neubauten des Hoch-, Tief- und Landschaftsbaus. Diese Mittel können ausschließlich für Kunst am Bau ausgereicht werden. Wettbewerbsverfahren sorgen für einen transparenten Prozess.
Das Kunst am Bau-Verfahren in Reinickendorf wurde 2023 in Gang gesetzt, nachdem der Fachbereich Kunst und Geschichte als verantwortliche Stelle innerhalb weniger Wochen allein sechs Anfragen zur Umsetzung dieser Verpflichtung erhalten hatte. Der Bedarf, Wettbewerbe durchzuführen, war entsprechend groß, allerdings waren die gängigen Strukturen zur Wettbewerbsdurchführung zu diesem Zeitpunkt aufgrund der geringen Bautätigkeit in den davorliegenden Jahren im Bezirk nicht mehr vorhanden.
In enger Kooperation mit der Bezirklichen Koordinierungsstelle (BeKo), die den Schulbau unterstützt, konnten in den darauffolgenden Monaten durch die Unterstützung auf Landes- und kommunaler Ebene wichtige Grundlagen erarbeitet werden. Dazu zählten ein Verfahrensvorschlag und der Entwurf einer Geschäftsordnung für eine Fachkommission in Reinickendorf, die gemeinsam mit dem Büro für Kunst im öffentlichen Raum im Kulturwerk der bbk berlin GmbH entwickelt wurden.
Am Ende stand ein, aufgrund der Vielzahl der Beteiligten recht komplexes, Wettbewerbsverfahren, um für Kunst am Bau-Vorhaben die künstlerisch-fachlich optimale Entscheidung zu treffen. Auf einem Weg mit zahlreichen Zwischenschritten versteht sich dabei Kunst am Bau auch innerhalb des Bezirks als Gemeinschaftsaufgabe unterschiedlichster Abteilungen, ohne die eine Umsetzung nicht möglich wäre.
Im Rahmen der ersten drei Wettbewerbsverfahren wurden 14 Künstlerinnen, Künstler und Kollektive eingeladen, Entwürfe für die Erweiterungsbauten der Ringelnatz-Grundschule, der Charlie-Chaplin-Grundschule und der Mark-Twain-Grundschule zu entwickeln: Salwa Aleryani, Andrea Böning, Johannes Büttner, Reinhard Doubrawa, Esra Ersen, Esther Ernst, KUNSTrePUBLIK, Marina Naprushkina, Dorothea Nold, Azar Pajuhandé, David Smithson, Sounds of Silence, Andrea Stahl sowie Franziska Wicke und Jadranko Barišić.
Die Gewinner der drei Wettbewerbe waren folgende Projekte:
Salwa Aleryani hat mit „Zeit finden“ eine interaktive Sonnenuhr für den Schulhof der Ringelnatz-Grundschule entworfen, die einen Erweiterungsbau von NEMESIS Architekten erhält. Das mehrfarbige Bodenmosaik wird in klassischer Pflastertechnik ausgeführt. Stellt sich eine Person auf das Feld des laufenden Monats, zeigt ihr Schatten zu jeder Zeit im Jahr die aktuelle Sonnenzeit an. Neben den Zeitmarkierungen sind außerdem Motive aus der Natur und dem Spiel vorgesehen, die in einem Workshop mit den Schülerinnen und Schülern entwickelt werden. Ferner soll ein zweiter Workshop mit der Stiftung Planetarium Berlin Einblicke in die Funktionsweise unseres Sonnensystems ermöglichen. Die Jury überzeugte primär die gelungene Verbindung von Kunst und Naturwissenschaft sowie der partizipatorische Charakter.
Für die Charlie-Chaplin-Schule, ebenfalls NEMESIS Architekten, hat das Kollektiv Sound of Silence (Petra Eichler und Susanne Kessler) „Modern Times ... wie tickt die Zeit“ entworfen. Hoch oben auf einem langen Mast präsentiert sich die neue Schuluhr an ihrem zentralen Standort zwischen Alt- und Neubau. Ihr Erscheinungsbild verweist in Details auf den Namensgeber der Schule: Der Sekundenzeiger als abstrahierter Spazierstock und das geringelte Sitzpodest samt Stange erinnern an Charlie Chaplins Rolle als Sträfling in „Der Abenteurer“. Die Funktion der Uhr entspricht nicht ganz der Norm, da gegen Ende der Pausen die Zeiger plötzlich ein Eigenleben führen, tanzen und verrücktspielen, bevor sie wieder in ihre richtige Position zurückspringen. Die Uhr zeigt damit, dass Zeit relativ ist und Individualität dann entsteht, wenn von der gewohnten Norm abgewichen wird.
Für den Mensaneubau der Mark-Twain-Grundschule von BSK Architekten hat Azar Pajuhandé „Hände voller Wunder“ entworfen. Fünf dreidimensionale Wandarbeiten aus geschichteten Holzschnitten zeigen den Spaß am Kochen sowie die Schönheit und das Wachstum von Lebensmitteln. Inspiriert sind die Kompositionen von dem Märchen „Hans und die Bohnenranke“. Entsprechend wird für die Illustrationen auf verschiedene Hülsenfrüchte zurückgegriffen, da diese in allen Küchen der Welt weitverbreitet sind. Mehrere Variationen der Zubereitung unterschiedlicher Speisen werden thematisiert und das Wachstum eines Kerns im Wechsel der Jahreszeiten wird gezeigt. Hände bereiten die Speisen zu oder kümmern sich um die Pflanzen.
Diese drei Kunst am Bau-Projekte für Reinickendorf befinden sich derzeit in der Umsetzungsphase. Die künstlerischen Entwürfe sollen einen identitätsstiftenden Bezug zur Schule als lebendigem Ort des Lernens und des Austauschs herstellen. Für Kinder ist Kunst am Bau in der Schule oftmals die erste Berührung mit Kunst überhaupt. Fern von Museen berühren die Arbeiten den Schulalltag und ermöglichen zugleich andere Perspektiven auf die Funktion von Architektur und den gemeinsam genutzten Raum. Sie sind Elemente von Baukultur, die die Idee eines Bauwerks mitprägen. Diese Auseinandersetzung findet nicht im Schutzraum von kulturellen Einrichtungen statt, sondern geschieht frei zugänglich – eine kulturelle Errungenschaft, von der die Schulgemeinschaften profitieren werden.