Kunst und Gedenken

Leerstellen und Geschichtslücken

Ein Mahnmal im öffentlichen Raum, das die wirtschaftliche Ausbeutung europäischer Jüd*innen  als Teil der Shoah sichtbar macht, ist  bisher einzigartig in der deutschen Gedenklandschaft. Aber mehr noch als das, ist das Bremer „Arisierungs“-Mahnmal, das im vergangenen September, nach einem fast zehnjährigen Vorlauf und teils erbitterten Auseinandersetzungen, eröffnet wurde, aus einer zivilgesellschaftlichen Initiative heraus entstanden.

Hanno Balz Historiker in Bremen und hat unter anderem zur Geschichte der “Arisierungen” im Nationalsozialismus geforscht und publiziert.

Evin Oettingshausen, Leerstellen und Geschichtslücken, 2023, Foto: Hanno Balz

Maßgeblich vorangebracht durch die Bremer taz, formierte sich seit 2015 ein kleines Bündnis, das sich kritisch mit der Firmengeschichte von „Kühne + Nagel“, gegründet 1890 in Bremen und heute drittgrößter Logistikkonzern der Welt, auseinandersetzt. Die inzwischen in der Schweiz ansässige Firma hatte 2015 in der Bremer Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt, als deren Mehrheitseigner Klaus-Michael Kühne mit großer Geste einen millionenschweren Neubau des Firmenstammsitzes am Weserufer in der Bremer Innenstadt ankündigte. Gleichzeitig weigert sich die Firma jedoch beharrlich, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Vor allem die Rolle, die „Kühne + Nagel“ bei der sogenannten „Aktion M (Möbel)“ im Rahmen der Shoah gespielt hatte, wurde von Mitgliedern der Bremer Initiative untersucht. Bei dieser Order des NS-Regimes handelte es sich um die „Verwertung“ des Hausstandes deportierter Jüd*innen aus dem besetzten Europa, von der schließlich nicht nur die Besatzungsverwaltungen des NS-Staats, sondern auch unzählige Deutsche an der Heimatfront profitieren sollten: Möbel und anderer Hausrat wurde an „Fliegergeschädigte“ in deutschen Städten verteilt und auch auf öffentlich beworbenen sogenannten „Judenauktionen“ der Bevölkerung angeboten, die solch eine Gelegenheit zum Schnäppchenmachen begeistert annahm. Die „Arisierungen“ des Besitzes jüdischer Menschen stellten  in der Gesamtgeschichte des Holocaust den Bereich dar, in welchem Privatpersonen am meisten beteiligt waren. Dementsprechend könnte eine Provenienzforschung auch in Bezug auf die Erbstücke im eigenen Zuhause wichtiger werden. Bedeutenden Profit aus der Ausbeutung, Vertreibung und Ermordung der europäischen Jüd*innen machte vor allem  auch „Kühne & Nagel“, deren Möbelwagen diesen gigantischen Raubzug erst ermöglichten.

Evin Oettingshausen, Leerstellen und Geschichtslücken, 2023, Foto: Hanno Balz

Um auf diese Profite aus dem Holocaust hinzuweisen und die Schweigepolitik des globalen Unternehmens anzugreifen, plante die Bremer Initiative daher zunächst unter dem Motto „Vier Quadratmeter Wahrheit“, der Stadt Bremen ein 4m2 großes Grundstück in direkter Nachbarschaft zu dem von „Kühne & Nagel“ erworbenen Grundstück an der Weser abzukaufen. Ein Crowdfunding-Aufruf für den Ankauf hatte  bereits die beachtliche Summe von 27.000 Euro zusammengebracht. Hier sollte, in unmittelbarer Nähe und unübersehbar, ein Denkzeichen entstehen, das die historischen Profiteure der „Aktion M“ direkt benennt und sichtbar werden lässt. Dieser Kaufvorschlag wurde vom Bremer Senat jedoch abgelehnt, auch wenn von Seiten der Politik eine grundsätzliche Unterstützung bei der Umsetzung eines solchen Mahnmals signalisiert wurde. Im Anschluss zogen sich langwierige Verhandlungen mit der Stadt hin, die dann schließlich doch grünes Licht für eine Errichtung auf öffentlichem Grund in der Nähe, aber doch mit einer gewissen Distanz, zum Firmensitz von „Kühne + Nagel“ gab.  Ende 2015, hatte die taz einen Ideenwettbewerb initiiert, auf welchen sich 59 Personen und Gruppen mit Entwürfen für ein Mahnmal meldeten, unter ihnen auch namhafte Künstlerinnen wie Bernd Altenstein oder Achim Ripperger. Aus den Einsendungen kürte eine fünfköpfige Jury die Gewinnerin. Vor der gemeinsamen Sitzung trafen die Jurorinnen jeweils einzeln eine persönliche Vorauswahl der Ideen. In der Folge wurden diese Vorschläge dann gemeinsam diskutiert und eine abschließende Auswahl getroffen, bei der letztendlich zwei Siegerinnen gekürt werden konnten: Auf Platz 1 wählte die Jury die Idee „Leerstellen und Geschichtslücken“ von Evin Oettingshausen. Zweitplatziert wurde die Idee „Elikan im Mondenschein“ von Thomas Georg Blank, in welchem der Geschirrschrank der Familie, der vermutlich aus jüdischem Besitz stammte, nachgebildet wurde. Besonders hat die Jury auch die Beteiligung der Schülerinnen des Hamburger Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums am Ideenwettbewerb beeindruckt. In sechs Gruppen hatten sie Ideen entwickelt, von denen es der Entwurf „Blickfang“ sogar auf die Nominierungsliste der Jury schaffte: Ein zwei Meter hoher Marmor-Rahmen, eingefasst von sich gegenüberstehenden Pulten, bietet idyllisierende Aussichten auf die Weser. Der Boden des Rahmens zeigt jedoch Deportationen - „das darunter liegende Schreckliche“, wie die Schülerinnen schreiben.

Die Mitglieder der Jury sind mit der Bremer Gedenkstättenlandschaft allesamt vertraut und hier zum Teil auch direkt in der Gedenkstättenpädagogik involviert: Marcus Meyer, der als wissenschaftlicher Leiter des „Denkorts Bunker Valentin“ mit der Ausgestaltung der Gedenkstätte sowohl aus Sicht eines Historikers als auch in pädagogischer Hinsicht beschäftigt war, legte neben der künstlerischen Ausformung auch Wert darauf, dass die Ideen als Mahnmal „funktionierten“. Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Lande Bremen, zeigte dabei die Grenze einer bestimmten Drastik auf: „Arisierung“ über die Brechung jüdischer Symbolik zu thematisierten, könnte in eine Richtung weisen, in der die Verbrechen zwar angeprangert werden sollen, auf ästhetischer Ebene aber wiederholt werden. Dies ist ein wiederkehrendes Dilemma der Gedenkstättenpädagogik vor allem in Bezug auf den Nationalsozialismus: Die didaktische Beschäftigung mit der Geschichte muss oftmals gegen eine überhöhte Aura eines bestimmten Ortes oder Gegenstands und der Wahrnehmung von historisch aufgeladenen Dingen als Faszinosum ankämpfen.

Mit Arie Hartog war auch ein Experte für zeitgenössische Bildhauerei innerhalb der Jury vertreten. Neben seinem künstlerischen Sachverstand drang der Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses auf die Überprüfung der Ideen hinsichtlich der Tauglichkeit in der Umsetzung: Manche Idee funktioniert eben nur auf dem Papier. Jean-Philipp Baeck und Henning Bleyl, beide Kulturwissenschaftler und Redakteure der taz in Bremen, komplettierten die Jury als Initiatoren der Aufrufs für ein Mahnmal.

Entschieden hat sich die Jury für den Entwurf der Bremer Architektin Oettingshausen, deren Idee „Leerstellen und Geschichtslücken“ überzeugte. Ihr ursprünglicher Entwurf basiert auf der gestuften Geländesituation an den Weserarkaden: Ein Schacht bohrt sich tief ins Bremer Weserufer, nahe jenem Grundstück, wo der Neubau von „Kühne + Nagel“ entstehen soll. Eine begehbare Glasplatte vor dem Firmensitz lässt in ein tiefes Loch blicken – und ahnen, dass weiter unten noch mehr zu sehen sein muss. Denn von der Seite, sechs Meter weiter unten, trifft ein horizontaler Blickschacht, eine Art Schaufenster, auf das selbe Loch. Von dort aus sollen,  Spaziergänger*innen auf der „Schlachte“, Bremens beliebter Weserpromenade, die Möglichkeit haben, Leerstellen zu erkennen: In Oettingshausens Entwurf sind das scharf in Beton konturierte Schattierungen an der hinteren Wand, die den ehemaligen Ort von Möbeln und Bildern markieren – so, wie man es von ausgeräumten Wohnungen kennt. Trotz der Subtilität der Darstellung, so die Jury, funktioniere das als klarer Verweis auf den Raub jüdischen Eigentums.

Evin Oettingshausen, Leerstellen und Geschichtslücken, 2023, Foto: Hanno Balz

Als Zeichen einer Unterstützung von offizieller Seite, ermöglichte es die Bremer Landesregierung im Sommer 2016, dass 19 der insgesamt 59 Einreichungen in einer Ausstellung in der Bremer Bürgerschaft gezeigt wurden. Das inzwischen größere öffentliche Interesse an der Verwirklichung eines „Arisierungs“-Mahnmals war schließlich Motivation für den Bremer Senat, sich dieser Angelegenheit anzunehmen. Im November 2016 beschlossen schließlich alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft den Bau des Mahnmals. Was in den nächsten fünf Jahren allerdings folgte, war ein fortwährendes Hin- und Her zwischen den Initiator*innen des Mahnmals, dem Ortsbeirat Bremen-Mitte, der die Umsetzung stark befürwortete, und dem Bremer Senat (hier vor allem dem Kulturresort), der davor zurückschreckte, mit solch einem kritischen Denkort in direkter Nachbarschaft zum Firmensitz die Privatwirtschaft im kleinsten Bundesland zu verschrecken. Entsprechend hieß es aus Bremer Wirtschaftskreisen, dass „Einzeladressierungen von Schuld“ prinzipiell hochproblematisch seien.

Immer wieder wurden Alternativvorschläge verworfen – sie hätten das Mahnmal an mehr oder weniger willkürlichem Ort in nur ungefährer Nähe zu „Kühne + Nagel“ geplant. Die zentrale Botschaft, eine Kritik der Profiteure der „Arisierungen“, wäre so verwässert worden. Doch weiterhin wurde von Seiten des Bremer Senats der Wille betont, Oettinghausens Entwurf umzusetzen. Erst Jahre später, nach Rücksprache zwischen Landesdenkmalpfleger, den verschiedenen senatorischen Behörden, der Künstler*in und der Mahnmal-Initiative wurde ein passender Ort, der sich einerseits baulich umsetzen lässt und nicht zu weit vom „Kühne + Nagel“-Firmensitz entfernt liegt, gefunden. Am 1. Februar 2022 wurde der Bau an dieser Stelle, etwas jenseits des „Schlachte“-Ufers, beschlossen. Nach rund neunmonatiger Bauzeit konnte das Mahnmal schließlich am 10. September 2023 eingeweiht werden, flankiert von einer inhaltlichen Rahmenveranstaltung und einer Podiumsdiskussion zum Thema „Das Mahnmal steht, wie geht es weiter? Perspektiven, Herausforderungen und Fallstricke der Gedenkkultur“.

Direkt an der Straße „Tiefer“, und damit zwischen Wilhelm-Kaisen-Brücke und Weserarkaden am Weserufer gelegen, befindet sich das Mahnmal nun rund 100 Meter vom „Kühne + Nagel“ Hochhaus entfernt. Die Lage, direkt am Treppenaufgang an den Arkaden, ermöglicht den Blick in das Innere des sechs Meter hohen Eckschachtes sowohl von oben durch eine in den Bürgersteig eingelassene Glasplatte, als auch beim Vorbeigehen auf der Höhe der Weserpromenade, wo auf zwei Seiten ein Fenster eingelassen ist. Im leeren Innenraum werden die Umrisse der fehlenden Möbel und Bilder auf zwei bis drei Meter hohen Wandplatten aus Beton zu sehen sein. Der Schacht ist von außen mit dem gleichen Sandstein verkleidet, wie die umgebenden Arkadenmauern, was ihn zwar einerseits in das bauliche Gesamtgefüge gut integriert, auf der anderen Seite jedoch das  Mahnmal recht unauffällig erscheinen lässt. So gab es seit der Eröffnung wiederholt Kritik an der „Unauffälligkeit“ des Denkmals, an dem die meisten Passant/*innen oft einfach ahnungslos vorbeigehen. Zudem stellte sich heraus, dass die Fenster des Schachtes nicht richtig abgedichtet waren, so dass in diesem nassen Winter die Feuchtigkeit innerhalb des leeren Raumes die Scheiben beschlagen ließ. Eine Lüftungsanlage soll hier  Abhilfe schaffen. Als Gesamtensemble fertiggestellt ist das Mahnmal auch ein halbes Jahr nach seiner Einweihung noch nicht: Die Texttafeln, die Passantinnen und Interessierte über den historischen Hintergrund informieren sollen – eine im Boden eingelassene Tafel am obigen Fenster, eine Stele an der Weserpromenade – lassen noch auf sich warten. Dies habe, so die Verantwortlichen in der Behörde, auch damit zu tun, dass bauliche Vorhaben am direkten Weserufer im Winter schwierig umzusetzen sind.

Trotz all der Widrigkeiten in der Umsetzung und einer fast zehnjährigen Debatte über die Bedeutung eines „Arisierungsmahnmals“ ist mit dessen Fertigstellung nun ein gedenkpolitischer Präzedenzfall verwirklicht worden. Nicht mehr nur die Abwesenheit der im Holocaust deportierten und ermordeten Menschen mit ihrem persönlichen Besitz wird hier thematisiert. Mehr noch ist es die Abwesenheit einer historischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte von Profit und der Kontinuität moralischer Verdrängung von Teilen der deutschen Wirtschaft, die in diesem Denkmal sichtbar wird.