Internationales

Offene Felder

Shõ Alexander Murayama, Samuel Collins, Soil Wall Garden

Landwirtschaft, die seit der Sesshaftwerdung im Neolithikum unsere Grundbedürfnisse erfüllt bzw. reglementiert, und Kunst, die die Gesellschaft reflektiert und mit neuen Möglichkeiten konfrontiert, werden bei diesen Überlegungen zu spannungsreichen Bezugsfeldern.

Elisabeth Fiedler
Leiterin und Chefkuratorin Abteilung Kunst im Außenraum
Institut für Kunst im öffentlichen Raum
Österreichischer Skulpturenpark

Reflexionen über die sensible und vielfältige Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur gibt es seit der Urgeschichte in Form von Kunst und alltäglichen sowie rituellen Handlungen. Heute prägt diese Thematik natur- und geisteswissenschaftliche Diskurse, zumal wir durch die (Aus-)Nutzung natürlicher Ressourcen mithilfe turbokapitalistischen Wirtschaftswachstums immer weiter an den Rand der Kapazitäten unseres Planeten geraten. Die ungebremste Beschleunigung von Industrie und Wirtschaft seit der industriellen Revolution – höher, weiter, schneller – ignoriert das komplexe Verhältnis von Natur und Mensch und unsere Abhängigkeit von einem begrenzten Lebensraum. Erst die globale Katastrophe des Klimawandels lässt die Verletzlichkeit von Nehmen und Geben evident werden und stellt die Frage nach den Notwendigkeiten für unsere Existenz.

Landwirtschaft, die seit der Sesshaftwerdung im Neolithikum unsere Grundbedürfnisse erfüllt bzw. reglementiert, und Kunst, die die Gesellschaft reflektiert und mit neuen Möglichkeiten konfrontiert, werden bei diesen Überlegungen zu spannungsreichen Bezugsfeldern. Das Projekt OFFENE FELDER – Kunst und Landwirtschaft stellt diese menschlichen Grundbedürfnisse nach körperlicher und geistiger Nahrung in den Vordergrund. Gleichzeitig geht es um geschichtliche, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge, neue Impulse und aktuelle Ansätze. Durch das Zusammentreffen zweier scheinbarer Gegensätze wird Neuem Platz gegeben.

Der Meteorologe Paul J. Crutzen prägte im Jahr 2000 den Begriff des Anthropozäns als jenen Zeitraum, in dem der Einfluss des Menschen auf die Erde exponentiell wächst und langfristig Spuren hinterlässt. Eng verbunden mit dieser Begriffsbildung ist die Auseinandersetzung mit menschengemachten Veränderungen der Erdoberfläche, wodurch neue Denkansätze einer umfassenden ökologischen Ethik entstehen. So wird im neu einsetzenden Post-Anthropozän diese menschliche Dominanz in ihrer politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder persönlichen Geschichte untersucht und reflektiert und es werden Fragen nach einer lebbaren Zukunft in der kritischen Zone gestellt ‒ jener Schicht, von und auf der wir leben. Diese Fragen betreffen alle Bereiche.

Das Projekt OFFENE FELDER fokussiert auf lokaler Ebene wesentliche Aspekte,
nämlich jene der Landwirtschaft in unmittelbarer Begegnung mit Kunst, denn beide sind und liefern Grundnahrungsmittel der Gesellschaft.

Durch sowohl den Boden als auch den Menschen ausbeutende Entwicklungen, die einzig auf schnelles Wachstum und raschen Gewinn abzielten, gerieten landwirtschaftliches Wissen um Gesamtzusammenhänge und dessen Wertschätzung sukzessive ins Hintertreffen gegenüber globalen Überlegungen und Interessen. Die sukzessive Verlagerung billiger, rücksichtsloser und menschenverachtender unethischer Nahrungsmittelproduktion in andere Länder, das Besetzen Zweiter Welten, die ausgebeutet werden, um vermeintlichen Wohlstand zu generieren, daraus resultierende erzwungene Migration sowie Monokulturen oder Massentierhaltung und -transporte sind Phänomene, die dem Leben selbst widersprechen. Das Bewusstsein, dass es kein permanentes Wachstum geben, nicht willkürlich Raubbau betrieben werden kann, entspricht wertschätzendem landwirtschaftlichem Handeln im klugen und respektvollen Umgang und Wissen über Rückbezüglichkeiten auf und über Reaktionen der Natur und damit unser Über-Leben.

Shō Alexander Murayama & Samuel Collins SOIL WALL GARDEN, 2022, Drohnenaufnahme, Foto: Murayama Collins

Retardierenden Vorstellungen reaktionärer Hinwendung zu vermeintlicher Geborgenheit des Nationalstaates oder gegenwärtig auftretenden Rückschrittstendenzen in Richtung „Blut und Boden“ entgegenwirkend, geht es im Projekt OFFENE FELDER um das Ausloten von Zusammenhängen, das Verstehen von Bedingungen innerhalb von Spannungsfeldern, die uns alle betreffen: vom Thema der Selbst- und Fremdausbeutung über finanzielle oder Vorschriftsbedingungen, das Spannungsfeld industrieller Massen- und regionaler Kleinproduktion, Überdüngungen und den Wunsch nach ausgeglichenen und komplexen Kreisläufen, die Zeit brauchen, bis hin zum Druck von Handelsketten, zu Dumpingpreisen, neuen Formen der Versklavung, Überlebenskämpfen, aber auch zum Höfesterben. Tatsächlich stehen wir alle vor komplexen Lebens- und Überlebensfragen und Problemfeldern, die in der Landwirtschaft nicht nur exemplarisch, sondern auch existenziell verhandelt werden.
Seit jeher reflektiert Kunst das Geschehen, sie schärft aber nicht nur unseren Blick auf die Gegenwart, sondern auch unser Bewusstsein für Zusammenhänge aus der Geschichte in die Zukunft. Auch Künstler:in zu sein bedeutet nicht im herkömmlichen Sinn, einem Beruf nachzugehen. Vielmehr handelt es sich ebenfalls um eine Lebenseinstellung, die téchnē, epistḗmē und aísthēsis verbindet.

Kollaboration und Auseinandersetzung von Kunst und Landwirtschaft soll somit das Verständnis, dass alles miteinander in Verbindung steht, und neue Arbeiten entstehen lassen. Dabei wird nicht über ein Themenfeld oder ein Problem aus der Distanz zu unmittelbaren Produzent:innen tierischer oder pflanzlicher Erzeugnisse, das Land bewirtschaftenden Akteur:innen zur Erhaltung spezifischer Kulturlandschaften, sondern aus direkter Begegnung, Reibung, in gegenseitigem Respekt mit Bäuerinnen und Bauern und in Reflexion auf sie, aus uns alle betreffenden Fragestellungen heraus gedacht und gearbeitet. Anstatt von einer Metaebene herab, können diverse Layer und Schichten gesucht, untersucht, vertikutiert, befragt und thematisiert, neue „Landeanflüge“ gestartet und Felder geöffnet werden.

OFFENE FELDER will nicht nur reale, sondern auch inhaltlich und transdisziplinär neue Regionen des Denkens und Tuns erschließen. Dabei geht es nicht darum, rein theoretisch und auf Abstand zu studieren, sondern darum, einzutauchen, aktiv teilzunehmen, sich auszutauschen, um Prozesse und Dynamiken besser zu verstehen, Geschichte und spezifische lokale, politische, gesellschaftliche Geschichte/n und Realitäten zu erkunden, um neue Ansätze der Koexistenz zu befragen, Zukünftiges zu thematisieren und daraus Arbeiten zu entwickeln.

Diese Idee fand sowohl bei Bäuerinnen und Bauern als auch bei Künstlerinnen und Künstlern großen Zuspruch. 38 steirische Landwirt:innen wollten Künstlerinnen und Künstler aller Sparten auf ihren Höfen aufnehmen und ihnen Raum für die Realisierung ihrer Kunstwerke geben. 164 Künstler:innen aus aller Welt reichten im offenen Wettbewerb ihre Ideen für Projekte auf den Höfen ein, 13 Projekte werden in den Jahren 2022 - 2024 umgesetzt.

Die ausgewählten Künstler:innen wurden mit den Landwirtschaften vom Berg- bis zum Weinbauern ihren Vorstellungen korrelierend zusammengeführt. Auf diesen landwirtschaftlichen Betrieben verbringen Künstler:innen bzw. -kollektive aus verschiedenen Ländern von Südafrika bis Indien, Spanien bis Dänemark zwei bis vier Wochen in ständiger Auseinandersetzung und Reflexion mit dem Fremden und arbeiten im Austausch mit den Bauern und Bäuerinnen an ihren Vorhaben, die sich auch verändern und von ihren ursprünglichen Vorhaben in unmittelbarer Begegnung mit Menschen und Gegebenheiten abweichen können. Umgesetzt werden Installationen und Aktionen sowie musikalische Kompositionen, Skulpturen und ein Land-Art-Projekt. Das breite Spektrum reicht von Film, Video, Performances zum Thema Erde, Getreide und zu landwirtschaftlichen Tätigkeiten über eine „stille“ Oper vor einer markanten Gebirgskulisse mit Haufenhof, akustischen Boden-, Geschichts- und Gesellschaftsuntersuchungen, die in Form einer Klangwanderung ausgeführt werden bis hin zu Objekten, die sich mit der Transformierung der Erde durch den Regenwurm und dessen Exkremente, der Verbindung des eigenen Körpers sowie seiner Geschichte und der Landschaft, dem historischen Flachsanbau in der Steiermark, Experimentalfilm mit der Perspektive des Fremden auf Territorium und Boden oder skulpturale Gerätschaften, die die Beziehung zwischen Mensch und Kuh ausloten, auseinandersetzen.

Alle beteiligten Künstler:innen stehen dabei im kontinuierlichen Austausch mit den Bauern und Bäuerinnen sowie mit uns, dem Institut für Kunst im öffentlichen Raum, agieren und reagieren in hoher Wachheit und entwickeln aus dieser komprimierten Konzentration und Kollaboration völlig Neues.

Beteiligte Künstler*innen und -kollektive: Astarti Athanasiadou & Stéphane Verlet Bottéro, Samuel Collins & Sho Murayama, Amanda Couch, Markus Hiesleitner, Katharina Klement, Sujit Mallik, Benjamin Reynolds, Jonathan Mizrahi, Rainer Nöbauer-Kammerer, Georg Nussbaumer, Gina van der Ploeg, Eva Seiler und Paul Wiersbinski.

Die Bildhauerin, Textilkünstlerin und Landwirtin Gina van der Ploeg aus Kapstadt/Südafrika erfuhr in engem Zusammenleben, Kochen und Essen mit der Familie, im Austausch und in Erforschung neuen Wissens grundlegende Prozesse einer viel- und kleingliedrigen Landwirtschaft mit Dinkel- und Buchweizenanbau, Nusshainen oder anderen seltenen Kulturpflanzen wie Fenchel, Mohn, Lein sowie Honig oder Damaszenerrosen. Daraus schuf sie ein vielschichtig offenes Resultat, das landwirtschaftliche ebenso wie geistige Arbeit berücksichtigte und in Beziehung setzte. Fotografie, Architektur, Gespräche und eine mit allen Sinnen intensiv wahrnehmbare immersive Installationserfahrung waren das Ergebnis.

Shõ Alexander Murayama & Samuel Collins setzten sich in ihrer Arbeit auf einem Weingut intensiv mit Architektur und Raum auseinander. In ihrem Projekt SOIL WALL GARDEN  wurde ein temporärer, vier Meter konisch in die Tiefe reichender skulpturaler Erdgarten, der sowohl Rückzugs- und Konzentrationsort wie Untersuchungsfeld war, geschaffen. Wandernde Erdschichten konnten hier ebenso wahrgenommen werden, wie der Widerstand gegenüber idyllischer Heilsversprechen zugunsten einer offenen und sich ständig wandelnden Situation als Lebensbegriff, markiert durch eine Sitzgelegenheit aus einem Transitort. Kommunikation, Konzentration und Reflexion sind dieser Arbeit deutlich eingeschrieben.

Alle weiteren Arbeiten befinden sich in Entwicklung und werden, wie das gesamte Projekt, in diesem und im kommenden Jahr in ihrer Vielschichtigkeit und der Überlagerung möglicher Ansätze sowohl inhaltlich als auch formal, örtlich, mental und in ihrer Erscheinung völlig unterschiedlich überraschen.