Kunst im Stadtraum

Petrified Survivors vs. Friedensstatue Ari PR im öffentlichen Raum

Rebecca Hawkins, Petrified Survivors, 2025, Foto Britta Schubert

Damit bleibt die Zukunft der Friedensstatue ungewiss. Zugleich hat sich das Kunstwerk längst als Symbol gegen sexualisierte Kriegsgewalt etabliert und zeigt exemplarisch, wie Kunst im öffentlichen Raum zwischen Diplomatie, Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Engagement umkämpft sein kann. Der Versuch der japanischen Regierung, ähnliche Statuen weltweit zu verhindern – wie in San Francisco, wo Osaka 2018 als Reaktion sogar die Städtepartnerschaft aufkündigte – zeigt die Brisanz des Symbols.
Die Auseinandersetzungen in Berlin verliehen dem Denkmal hohe Aufmerksamkeit und machten es zu einem Beispiel dafür, wie temporäre Kunst im Stadtraum eine breite gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.

Sven Kalden

Parallel zu den Auseinandersetzungen um die Friedensstatue bewarb sich ein Verein mit Verbindungen zu einem ehemaligen Rüstungslobbyisten um ein alternatives Kunst-im öffentlichen-Raum-Projekt. Offensichtlich wurde eine PR-Agentur engagiert, um eine Strategie zu entwickeln, das unangenehme Denkmal wieder loszuwerden.

Im Juli 2024 gründete sich in Berlin der Verein SASVIC (sasvic.org). Dieser möchte laut eigener Darstellung an die Opfer von sexualisierter Gewalt in Kriegsgebieten erinnern und ein öffentliches Bewusstsein dafür schaffen.

Erstes und einziges Projekt des Vereins ist es, ein Denkmal in Berlin aufzustellen. Dieses Denkmal soll zufälligerweise auch in Moabit aufgestellt werden. Anders als Ari geht es bei dem neuen Denkmal aber nicht um einen konkreten kriegerischen Konflikt, sondern allgemein um viele Konflikte, aber vor allem um die, bei denen Großbritannien, Japan, USA, Deutschland etc. nicht direkt in der Verantwortung stehen.

Interessant sind bei dieser Initiative mehrere Ebenen. SASVIC wurde von Mitarbeitern der PR-Agentur Higgins und der Lobby-Organisation Advanced Level Politics ins Leben gerufen. Der Verein selbst ist bei einer Steuerberatungsgesellschaft beheimatet. Das erstgenannte Gründungsmitglied und ehemaliger britischer Außenminister Jack Straw hat 2003 den Irakkrieg massiv unterstützt. Britischen Soldaten wird von der Menschenrechtsorganisation ECCHR vorgeworfen, Kriegsgefangene u.a. durch sexualisierte Gewalt gefoltert zu haben.

Der Name SASVIC gleicht zudem einer bereits existierenden Frauenrechtsinitiative SASVic (sasvic.org.au), sodass man bei der Recherche schnell auf eine NGO stößt, die Opfern von sexueller Gewalt in Australien hilft – nicht symbolisch, sondern real.

Jetzt hat der neugegründete Berliner SASVIC-Verein eine eigene Webseite, aber wenig reales Engagement zu bieten. Hier geht es bisher nur um die Errichtung der Bronzeskulptur Petrified Survivors, der englischen Bildhauerin Rebecca Hawkins. Die Künstlerin veröffentlicht auf ihrer Webseite unter der Rubrik Campaign Sculptures Arbeiten, die sie für politische Initiativen produziert hat. Hier ist u. a. eine Soldaten-Skulptur aus Bronze auf Marmorsockel zu sehen. Ein mit Maschinengewehr im Anschlag modellierter Gurkha, der an die gefallenen nepalesischen Soldaten im Dienst des britischen Militärs erinnern soll (www.rebeccahawkinssculpture.co.uk/post/the-gurkha-memorial). Stolz wird auf der Webseite berichtet, dass die Uniform des dargestellten Soldaten über sechsmal ummodelliert werden musste, da sich die realen Uniformen der Soldaten im jahrelangen Einsatz auch stetig verändert haben. Am Sockel der Skulptur ist schließlich noch der Satz zu lesen: Better to die than to be a coward.

Scheinbar handelt es sich hier um eine Künstlerin, die, wenn es opportun erscheint, das Militär und Soldatentum verherrlicht und die gleichzeitig, bei entsprechender Auftragslage, an die Opfer von sexualisierter Gewalt in Kriegen erinnern möchte. Konsequenter kann man eine solch lobenswerte Absicht nicht ad absurdum führen.

Die Aufstellung für Petrified Survivors ist Anfang September 2025 erfolgt. Die KIST-Kommission des Bezirks Mitte hat gegen die Stimmen der Fach-Kommissionsmitglieder dem Antrag zur temporären Aufstellung stattgegeben.

Diese merkwürdigen PR-Strategien zeigen, dass der öffentliche Raum weiterhin umkämpft ist, dass es eben nicht unwichtig ist, wer dort wie was zeigen darf und kann. Der öffentliche Raum ist demnach weiterhin politisch. Hier können sich demokratische zivilgesellschaftliche Initiativen präsentieren, aber er kann auch dazu benutzt werden, den Bürger*innen der Stadt zu zeigen, wie sie zu gedenken und was sie zu erinnern haben.

Rebecca Hawkins, Petrified Survivors Foto Britta Schubert