Kunst im Stadtraum
radio connection
Interview mit der Künstlerin Susanne Bayer, der Initiatorin der Projektes
Im Jahr 2017 hast du an einem berlinweiten, anonymen, zweiphasigen Kunst am Bau-Wettbewerb für den Bau modularer Unterkünfte für Geflüchtete in mehreren Berliner Bezirken teilgenommen. Gemeinsam mit dem ebenfalls partizipativen Projekt Residenzpflicht der Künstler*innengruppe msk7 hast du mit deiner Idee für ein Radioprojekt den Wettbewerb gewonnen und eine Realisierungsempfehlung erhalten. Worum geht es bei radio connection?
Das Kunst am Bau-Wettbewerb-Projekt radio connection habe ich in zehn Modularen Unterkünften für Geflüchtete realisiert, die 2017 von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in verschiedenen Berliner Bezirken gebaut wurden. radio connection ist ein partizipatives Radio- und Podcastprojekt. Wir produzieren gemeinsam mit Bewohner*innen und Nachbar*innen jede Woche eine mehrsprachige Radiosendung. Diese läuft immer Donnerstags um 15 Uhr bei Piradio im freien Radio Berlin-Brandenburg auf UKW 88,4 und ist jederzeit auf unserer Website abrufbar: www.radioconnection-berlin.de. Unsere Sendereihen wie Marzahn am Mikro oder global lokal gibt es auch als Podcast Z. B. bei Spotify, Deezer oder apple Podcast. Damit alle, die in den zehn Unterkünften wohnen, unsere Sendungen hören können, haben wir in jede Küche der Gemeinschaftsunterkünfte ein Radio gehängt – insgesamt 500 Radios – und einen Aufkleber mit Infos zur Sendung in verschiedenen Sprachen angebracht.
Wie organisiert ihr die Redaktionsarbeit und wie entstehen die Sendungen?
Seit acht Jahren findet unser offenes Redaktionstreffen jede Woche in einer Gemeinschaftsunterkunft in Marzahn statt. Dort besprechen wir alle gemeinsam Themen und Beiträge für die Sendungen und legen fest, wer Interviews oder Reportagen übernimmt, überlegen, welche Sprachen in den Sendungen gesprochen werden sollen, wer übersetzen könnte und wer moderiert. Anschließend bauen wir unser mobiles Radiostudio auf und nehmen die Sendungen direkt vor Ort auf. Danach werden sie von unseren Tontechniker*innen geschnitten und gemischt. Bei uns kann jede und jeder mitmachen, ohne Vorkenntnisse über die Produktion von Radiosendungen. Deshalb veranstalten wir immer wieder Workshops über Journalismus, Interviewführung, Moderation, Reportage und Audioschnitt. Inzwischen kommen etwa 20 Personen, Bewohnerinnen und ehemalige Bewohnerinnen der Unterkünfte und Nachbar*innen aus Marzahn, regelmäßig zu den Treffen, und bisher haben wir über 300 Sendungen und Podcasts erstellt.
Was passierte, als die Mittel aus dem Kunst am Bau-Etat aufgebraucht waren?
Alle im Redaktionsteam wollten weitermachen, deshalb haben wir einen gemeinnützigen Verein gegründet, um Fördermittel zu beantragen. Ich habe weitere Konzepte für Sendereihen und Podcasts entwickelt, die vom Projektfonds Urbane Praxis, dem Programm zur Stärkung der Großsiedlungen (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen), der Deutschen Fernsehlotterie und der Medienanstalt Berlin-Brandenburg gefördert wurden. Dadurch konnten wir eine Halbtagsstelle für eine Journalistin schaffen, die unsere redaktionelle Arbeit koordiniert und durch ihre journalistische Erfahrung stark weiterentwickelt hat. Außerdem finanzieren wir Honorare für freiberufliche Journalist*innen, die Arabisch, Farsi, Französisch oder Pashto sprechen, ebenso für Tontechniker* innen und Übersetzungen in Sprachen, die wir nicht beherrschen – etwa Vietnamesisch, Ukrainisch, Russisch oder Polnisch. Inzwischen haben wir zusätzlich eine Viertelstelle für Buchhaltung und Finanzen eingerichtet.
Worin besteht deine künstlerische Arbeit für das Projekt heute?
Meine künstlerische Arbeit bei radio connection besteht darin, gemeinsam mit dem Redaktionsteam neue Ideen und Konzepte für Sendungen und Podcasts zu entwickeln. Etwa überlegen wir, wie Zwischenräume hörbar werden können: indem wir etwa eine Fahrt mit der Straßenbahn samt Hintergrundgeräuschen als Raum für Beobachtungen, Reflexionen, Erinnerungen und Gedanken nutzen. Oder wie wir jenseits der Sprache mit Geräuschen etwas erzählen können und gleichzeitig mit Mehrsprachigkeit experimentieren – denn Übersetzungen sind nie ganz exakt. Als mobiles Projekt beziehen wir bewusst verschiedene Orte und deren Wirkung in die Produktion ein. Insgesamt denke ich, dass wir inzwischen einen Punkt erreicht haben, an dem wir mehr experimentieren können – und darauf freue ich mich sehr.
Dein Projekt besteht inzwischen seit acht Jahren und gehört damit zweifellos zu den nachhaltigsten partizipativen Kunst am Bau-Projekten. Hattest du das zu Beginn erwartet, und war es auch, nachdem der KAB-Etat aufgebraucht war, möglich, ein faires Honorar für dein Engagement zu erhalten?
In meinem Kunst am Bau-Entwurf hatte ich bereits geschrieben, dass im Falle einer Fortsetzung ein gemeinnütziger Verein gegründet werden sollte, um weitere Förderungen zu beantragen. Es wäre schade gewesen, das ganze Studioequipment anzuschaffen, so viele Erfahrungen zu sammeln und das Radioprojekt dann nach zwei Jahren zu beenden. Insofern habe ich mir von Anfang an gewünscht, dass sich eine Gruppe bildet, die längerfristig Radio machen möchte. Im Nachhinein betrachtet war es notwendig, mehr Zeit zu haben, denn es dauert auch eine Weile, so ein mehrsprachiges Radioformat zu entwickeln, und niemand von uns hatte bisher Erfahrungen damit. Durch die Förderungen bekomme ich genauso wie alle anderen Freiberufler*innen ein Honorar für meine Arbeit an den Sendungen. Allerdings bin ich auch im Vorstand des gemeinnützigen Vereins, der ja ehrenamtlich arbeitet, und als einzige Deutsch-Muttersprachlerin dort habe ich da ziemlich viel zu tun.
Wie sieht eure aktuelle Finanzierung aus, und seid ihr von den Haushaltskürzungen in Berlin betroffen?
Unsere Finanzierung ist bis Ende des Jahres gesichert, und es besteht Aussicht auf eine Verlängerung durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Außerdem haben wir weitere Förderanträge für 2026 gestellt, aber bisher noch keine Bescheide erhalten. Von den Haushaltskürzungen sind wir insofern betroffen, als ein hervorragendes Förderprogramm für partizipative künstlerische Projekte – der Projektfonds Urbane Praxis, der uns schon zweimal gefördert hat – in diesem Jahr keine Mittel vergeben konnte. Auch seine weitere Zukunft ist wegen der Sparmaßnahmen ungewiss. Insgesamt wird die Situation für uns schwieriger, da sich die geförderten Projekte künftig deutlich weniger Geld teilen müssen. Was das konkret für uns bedeutet, wird sich nächstes Jahr zeigen. Eure Themen reichen von Zensur im Iran bis zum Biodiversitätsschutz.
Wie wählt ihr eure Schwerpunkte aus, und wie entstehen Kooperationen mit Partner*innen?
Zum einen schlagen alle Redaktionsmitglieder Themen vor, die ihnen am Herzen liegen. Das kann alles sein – von kulturellen Themen und Musiksendungen bis zu politischen Fragen wie z. B. den Selbstmorden von Frauen in Afghanistan. Zum anderen haben wir feste Sendereihen wie Marzahn am Mikro, in der wir Veranstaltungen im Bezirk besuchen und mehrsprachig darüber berichten – etwa eine Einwohnerversammlung zu umstrittenen Neubauvorhaben oder Projekte wie die UnbezahlBar, einen Umsonstladen mit Sozialberatung in verschiedenen Sprachen. In unserer Sendereihe global lokal beschäftigen wir uns mit global wichtigen Themen und schauen, wie in Marzahn-Hellersdorf darauf reagiert wird, z. B. bei der Energiewende oder Müllvermeidung. Kooperationen sind auf ganz unterschiedliche Weise entstanden. Am Anfang habe ich gezielt Kontakte in Marzahn-Hellersdorf gesucht, etwa zur Station UrbanerKulturen mit dem Place international, einem Projekt, das die Künstler*innen Adam Page und Eva Hertzsch zusammen mit der NGbK aufgebaut haben. Wir berichten immer wieder über ihre Ausstellungen und verfolgen längerfristig Prozesse und Entwicklungen, wie z.B. das Klassenzimmer der Zukunft, in unseren Sendungen. Daraus hat sich dann auch eine Kooperation mit der Alice-Salomon- Hochschule entwickelt. Um mehr Frauen mit Fluchthintergrund zu Wort kommen zu lassen, haben wir die Kooperation mit dem interkulturellen Frauentreff ROSA gesucht. Auch an unserem Stand bei Straßenfesten entwickeln sich Kooperationen, wie z. B. mit BENN (Berlin entwickelt neue Nachbarschaften) und natürlich über die beteiligten Nachbar*innen. Inzwischen kommen auch immer mehr Organisationen von sich aus auf uns zu. Überdies kooperieren wir mit anderen freien Radios, etwa mit Common Voices bei Radio Corax in Halle, mit Radio Slubfurt in Frankfurt/Oder und mit Radio Woltersdorf in Brandenburg, das jedes Jahr im Herbst das Kunstprojekt Radio Industry, Festival für Kunst + Gegenwart veranstaltet.
Gibt es Themen, die euch dauerhaft begleiten und regelmäßig in euren Sendungen auftauchen?
Ja, auf jeden Fall. Immer wieder beschäftigen wir uns mit Themen wie Flucht, Ankommen, Asylrechtsverschärfungen, Abschiebungen, der Bezahlkarte für Geflüchtete, Alltagsrassismus oder dem Deutschlernen. Aber auch das arabische Filmfestival, die iranische Buchmesse im Exil oder die Situation in den Herkunftsländern unserer Redaktionsmitglieder – etwa Afghanistan, Iran, Irak oder Syrien – sind wiederkehrende Themen, die in den Medien oft zu kurz kommen. Ebenso berichten wir über wichtige Feste wie Yalda, den kürzesten Tag des Jahres, gefeiert in Afghanistan und im Iran, oder Nowruz, das Neujahrsfest in Afghanistan, im Iran und bei den Kurd*innen.
Wie wird eure Arbeit aufgenommen? Bekommt ihr direktes Feedback aus den Unterkünften, und wie nehmt ihr eure Reichweite wahr?
Manchmal bekommen wir Rückmeldungen, wenn jemandem eine Sendung gefallen hat, oder Likes in den sozialen Medien. Aber Radiohörer*innen reagieren selten direkt – das mache ich selbst auch nicht. Anhand der Downloads von unserer Website, die manchmal über 500 pro Sendung erreichen, sehen wir jedoch, dass die Zahl der Hörer*innen kontinuierlich wächst. Auf Instagram und Facebook haben wir über 1000 Follower*innen, einige davon sogar in Afghanistan, im Iran oder in Syrien. Direktes Feedback aus den Unterkünften bekommen wir vorwiegend von den Menschen, die zu den offenen Redaktionstreffen kommen oder bei radio connection mitarbeiten. Jede Woche machen wir außerdem eine interne Sendungskritik: Eine Person hört die Sendung und beschreibt, was ihr gefallen oder nicht gefallen hat, und alle anderen geben ebenfalls Rückmeldung. So kristallisieren sich Punkte heraus, die wir ändern oder verbessern wollen.
Die globale Rechtsentwicklung ist auch in Deutschland spürbar. Welche Auswirkungen hat das auf eure Arbeit?
Zum einen gab es schon eine schriftliche Anfrage der AfD über radio connection im Abgeordnetenhaus (2022) und eine mündliche Anfrage in der BVV Marzahn-Hellersdorf (2024). Sie wollten dabei genau wissen, wer das Projekt gegründet hat, wieviele Leute bezahlt werden, wie die Leute ausgewählt wurden, auf welcher Rechtsgrundlage wir senden dürfen, welche Fördermittel wir erhalten haben und welchen Mehrwert der Senat für den Steuerzahler in einem Radiosender in einer Unterkunft für Geflüchtete sieht. Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat die Bedeutung des Projekts in ihrer Antwort sehr gut beschrieben, dennoch bleibt für uns die Beobachtung, dass die Rechtsentwicklung und die damit verbundene Migrationsfeindlichkeit die Politik der meisten Parteien stark beeinflusst, wodurch es für Gruppen wie uns langfristig sehr viel schwieriger wird, Förderungen zu bekommen. Und wer weiß, nach den neusten Aussagen von Kulturstaatsminister Weimer dürfen wir vielleicht als öffentlich gefördertes Projekt demnächst nicht mehr gendern, bisher ist das allerdings nur eine Empfehlung. Zum anderen merken wir die Entwicklung nach rechts natürlich ganz direkt: Es gelingt uns immer seltener, bei Straßenumfragen in Marzahn mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Viele reagieren sehr ablehnend, wollen überhaupt nicht mit uns sprechen und sind teilweise sogar aggressiv. Und diejenigen, die mit uns sprechen, wollen meistens anonym bleiben, das betrifft auch Menschen mit Fluchtgeschichte, da sie wieder große Angst um ihren Aufenthaltsstatus haben. Kürzlich sagte uns die Leiterin eines sozialen Projekts in Marzahn im Interview, dass sie für ihre Mitarbeiter*innen eine Schulung zum Umgang mit Rechtsextremen organisieren will. Hintergrund sind mehrere rechtsextreme Demos in Marzahn, etwa vom Dritten Weg. Deshalb arbeiten wir gerade an einer Sendung zum Thema Rechtsruck.
Wenn du drei Wünsche freihättest für radio connection, welche wären das?
Erstens wünsche ich mir eine langfristig gesicherte, auskömmliche Förderung für radio connection – ohne jedes Jahr seitenlange Anträge stellen zu müssen, in denen wir Zielgruppen, Bedarfe, Handlungsschritte und Nachweise beschreiben. Das kostet sehr viel Zeit, die ich lieber für die Sendungen einsetzen würde. Zweitens wünsche ich mir, dass die UKW-Frequenzen 88,4 in Berlin und 90,7 in Potsdam, die bisher von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg für nichtkommerzielle Radios bereitgestellt werden, erhalten bleiben, solange es UKW gibt. Leider plant die Medienanstalt, diese Frequenzen ab 2026 kommerziell zu vergeben und den freien Radios nur noch einen digitalen DAB-Kanal anzubieten. Das würde die erschweren, denn man benötigt dafür Internet und ein DAB-fähiges Radio. Menschen in Gemeinschaftsunterkünften haben aber meist nur ein Handy, mit dem UKW kostenlos empfangbar ist. Und drittens wünsche ich mir, dass radio connection langfristig weiterbesteht und mehr Sendezeit erhält, um zum mehrsprachigen Radio für ganz Berlin zu werden. Das Redaktionsteam, in dem so viele unterschiedliche Fähigkeiten vertreten sind, könnte das auf jeden Fall stemmen.
Das Interview führte Britta Schubert