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Ways of Becoming

UNIDEE, Ways of Becoming, 2024, Foto Social Valet

25 Jahre Residenzprogramm der Stiftung Cittadellarte – Fondazione Pistoletto, 21. September bis 6. Dezember 2024

Susanne Bosch
Bildende Künstlerin

Als ich mich auf die Dialogveranstaltung „Art to the People – Was Kunst im Stadtraum bringt!“ am 17. September 2025 in der nGbK Berlin vorbereite, lese ich, dass in Berlin das Format „Draussenstadt“ und nahezu die gesamte „künstlerische Gestaltung im Stadtraum“ aus dem Haushalt gestrichen wurden. Gleichzeitig erinnere ich mich an Cittadellarte, Piemont, Italien.
Als Writer in Residence erlebte ich dort das Jubiläum des UNIDEE-Residenzprogramms der Cittadellarte – Fondazione Pistoletto in Biella. Seit 25 Jahren unterstützt es Künstlerinnen, die Kunst mit sozialem Wandel verbinden. Eingeladen hatte mich der künstlerische Beirat (Beatrice Catanzaro, Andy Abbott, Alessandra Saviotti und Juan E. Sandoval). Im November war ich außerdem zusammen mit Beatrice Catanzaro Mentorin im Modul „Ways of Practicing Conviviality the artist as host“. Beatrice und ich teilen eine langjährige Berufspraxis, vor allem den Kontext Palästinas. Beatrice initiierte in Nablus das Projekt „Bait al Karama“, zusammen mit Fatima Kadumy und Cristiana Bottigella.

UNIDEE, Ways of Becoming, 2024, Foto Social Valet

Stiftung Cittadellarte – Fondazione Pistoletto
Das UNIDEE-Residenzprogramm, 1999 ins Leben gerufen, hat seither Tausende Künstler*innen und Kulturschaffende aus 52 Ländern aufgenommen und sich zu einem globalen Referenzpunkt für sozial engagierte Kunst entwickelt. Diese „Universität der Ideen“ wird von einem Team und einem künstlerischen Beirat geleitet. Der Kunsthistoriker Gregory Sholette beschrieb sie 2010 in seinem Buch ‚Dark Matter: Art and Politics in the Age of Enterprise Culture‘ als „eine weitsichtige und lebendige Investition in die Zukunft innovativer, intellektuell anregender und sozial engagierter kultureller Praktiken“.
UNIDEE bildet das Herzstück der Stiftung, die der Künstler Michelangelo Pistoletto (1933) als internationales Netzwerk für Kultur- und Sozialinnovatorinnen, ins Leben rief. Sie arbeitet modular und projektbasiert mit verschiedenen „Uffizi“, die sich auf Kunst, Bildung, Mode, Arbeit, Architektur, Nahrungsmittel, Ökologie oder Kommunikation konzentrieren. Sie versteht sich als Plattform für „Artivator*innen“, die Kunst und sozialen Wandel verbinden. Die flache, netzwerkartige Struktur fördert interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Die Familie Pistoletto ist eng eingebunden: Ehefrau Maria lebt mit Michelangelo auf dem Stiftungsgelände, Tochter Armona ist Stiftungspräsidentin und ihr Mann Paolo Naldini Direktor. Das Areal in Biella umfasst restaurierte Textil-Industriebauten mit Ateliers, Veranstaltungsräumen, Unterkünften und Büros.

UNIDEE, Ways of Becoming, 2024, Foto Social Valet

Das Jubiläum
Als Writer in Residence erlebte ich Cittadellarte in einer besonders intensiven Phase. Mein ständiger Gesprächspartner war der Medientheoretiker Vincenzo Estremo, ebenfalls Writer in Residence. Gemeinsam sortierten wir unsere Beobachtungen zu Kunst, Kontext, sozialem Transfer und Beziehungen.
Am 21. September eröffnete die Jubiläumsausstellung mit der Leitfrage, wie Kunst Veränderungsprozesse anstoßen kann. Buchvorstellungen, Vorträge, Diskussionen und Performances ergänzten das Programm. Ein Highlight war das kollektive Spiel (d)estructura des Kollektivs El Puente_Lab, das die Teilnehmenden einlud, über Lebenswerte zu verhandeln. Ursprünglich 2016 für Havanna entwickelt, stellte es Maslows Bedürfnishierarchie infrage. Auch in Biella traten andere Prioritäten zutage, ein Hinweis auf die kulturelle Relativität vermeintlich universeller Werte. Das Spiel reflektiert die Perspektive einer überwiegend weißen Mittel- und Oberschicht und wurde so zur Metapher für UNIDEE: dem Raum für kollektive Entscheidungen und experimentelles Zusammenleben.
Die Arbeit „PLoT“ von Colette Lewis, Marilyn Lennon und Elinor Rivers thematisierte die Landnutzung in Cork, Irland, für die nächsten 200 Jahre. Sie stellte individuelle Bedürfnisse in einen größeren Zusammenhang und verband sie mit ethischen Fragen der Gemeingutverwaltung.
Das Symposium reflektierte den Wandel sozial engagierter Kunst und ihre Schnittstellen zu anderen Disziplinen. Themen waren die ökologische Wende, neue Konfigurationen für Kunstinstitutionen, die pädagogische Dimension sozial engagierter Kunst sowie Gastfreundschaft als Methode. Input gaben Andy Abbott, Valerio del Baglivo, Chiara Cartuccia, Beatrice Catanzaro, Viviana Checchia, Luigi Coppola, Vincenzo Estremo, Fabiola Fiocco, Owen Griffiths, Cecilia Guida, Jeanne van Heeswijk, Iswanto Hartono, Diego del Pozo Barriuso, Juan Sandoval, Alessandra Saviotti, Angela Serino, Anna Taylor, Ovidiu Țichindeleanu, Mick Wilson und ich.
Vier Tage lang feierten 120 Teilnehmende mit Performances, Open-Mic-Sessions, Workshops, Fanzine-Erstellung, Tango-Sessions, Spaziergangdialogen – und Tanz bis spät in die Nacht. Interventionen in Biella, gemeinsam mit lokalen Partnern umgesetzt, verdeutlichten die enge Verbindung der Stiftung zur Region. Mit der „Demopráctica“ arbeitet Cittadellarte u.a. an der Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und fördert gelebte Demokratie.

UNIDEE, Ways of Becoming, 2024, Foto Social Valet

How to Archive Relationships
Die Podiumsdiskussion „Activating the archive for change“ fragte, wie das UNIDEE-Archiv als lebendige Ressource für künftige Generationen nutzbar bleiben kann. Mick Wilson (HDK-Valand Göteborg) betonte, dass Archive sozial engagierter Kunst dynamisch sein müssen, um flüchtige Prozesse und Beziehungen zu bewahren. Alessandra Saviotti, Expertin für Arte Útil, diskutierte, wie diese Praxis Bildungsinstitutionen transformieren kann. Das von Künstlerin Tania Bruguera entwickelte Konzept versteht Kunst als Werkzeug zur Lösung sozialer, politischer oder ökologischer Probleme.

Transformation ist die große Schwester der Veränderung
Marshall Sahlins unterscheidet in „Stone Age Economics“ drei transformative Momente: Nehmen, Annehmen und Teilen. Letzteres bildet die Grundlage sozial engagierter Kunst, die sich von einer kapitalistischen Verwertungslogik abwendet. In gewisser Weise erinnert Pistoletto daran, denn er fordert, etwas aufzugeben, um im Gegenzug eine de facto Gemeinschaft aufzubauen, die durch gemeinsame Gefühle und das Engagement für die Transformation der Gesellschaft verbunden ist.
Für ihn ist die Kunst der Zukunft „Kunst für den sozialen Wandel“. In seiner Eröffnungsrede ermutigte er Künstler*innen, sich mit allen Aspekten des Lebens auseinanderzusetzen.

UNIDEE zeigt, wie Begegnungen in einem gemeinsamen kreativen Raum Veränderungen anstoßen können. Diese Praxis erinnert an Horton und Freires „We Make the Road by Walking“: eine Reise ins Unbekannte, bei der Beziehungen und Umgebung neues Wissen hervorbringen. UNIDEE ist ein dezentrales Netzwerk, in dem Lernen kollektiv und partizipativ geschieht. Beziehungen, die dort entstehen, entwickeln sich zu Kunstwerken, Ehen, Unternehmen und anderen Lebenspraktiken.
In Pistolettos Verständnis von Transformation geht es um das, was wir nur gemeinsam wissen können. Transformation verlangt den Abbau alter Systeme und kollektive Anstrengungen durch Selbstermächtigung, Partnerschaften und gesellschaftliches Engagement. Pistolettos eigene Rolle wandelte sich vom Einzelkünstler zum Vermittler kollektiver Großzügigkeit. Dieses Ethos prägt UNIDEE: gesponserte Aufenthalte, gemeinsame Mahlzeiten und gegenseitige Fürsorge schaffen eine Kultur der Gegenseitigkeit. Gregory Sholette fragt in „Dark Matter“: „Könnte Großzügigkeit eine Form des Widerstands sein?“ Beziehungen würden so zum wertvollsten Return on Investment.

UNIDEE, Ways of Becoming, 2024, Foto Social Valet

Fazit
Pistoletto fordert Künstler*innen auf, den exklusiven Bereich der Kunst zu verlassen und sich in allen gesellschaftlichen Bereichen zu engagieren, um soziale Strukturen zu regenerieren.
Fast prophetisch wirkt Pistolettos Forderung in Berlin: Künstler*innen verlassen tatsächlich den exklusiven Bereich der Kunst – allerdings nicht primär aus dem Impuls, die sozialen Strukturen zu regenerieren, sondern um ihre Kunst neben der Erwerbsarbeit als unbezahlte Arbeit in oft kunstfernen Strukturen weiterzubetreiben. Double work for one income. Ist das also die verheißene Transformation?
Mit dem Rückzug staatlicher Förderung und dem Verlust von Freiräumen verschwindet die künstlerische Perspektive zunehmend aus der Gestaltung gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Private Stiftungen können diesen Verlust nur begrenzt abfedern. „UNIDEE lädt ein, das Bekannte kreativ zu zerstören, um das Unbekannte zu erkunden“, sagte Jeanne van Heeswijk 2024. Künstler*innen werden die Kraft finden (müssen), aus der Zerstörung den Humus für neue Kontexte, Künste, sozialen Transfer und Beziehungen zu entwickeln.