Wettbewerbe

Wilderei im Kunst-am-Bau-Dschungel

1. Preis, J. Mayer H. und Partner, Arch. mbB, Berlin, Südpfeil

Als am 5. Juni die Juryentscheidung für den Kunst-am-Bau-Wettbewerb zur Gestaltung der zeitgenössischen Neubau Fassade des Humboldt Forums am Berliner Schloss publik wurde, kamen etliche Künstler*innen ins Staunen. Ein ziemlich großes Architekturbüro hat den Wettbewerb gewonnen.

Manaf Halbouni
Bildender Künstler

Das Thema wurde unter den hauptberuflich kunstschaffenden Kolleginnen heftig diskutiert. Wie kann es sein, dass ein hauptberuflicher Architekt einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewinnt? Formal gesehen, laut Auslober „Stiftung Humboldt Forum“, hat der Architekt, der „auch etwas mit Kunst macht“ keinen Regelverstoß begangen. Laut Ausschreibung musste jede Bewerberin einen Nachweis der Professionalität erbringen, etwa durch kontinuierliche künstlerische Tätigkeit, sofern kein abgeschlossenes Kunststudium oder eine entsprechende Ausbildung vorliegt.

Meine persönliche Meinung, als jemand, der in einem hochkorrupten Land aufgewachsen ist und weiß, wie Netzwerke funktionieren: Es dürfte nicht schwer sein, für einen hauptberuflichen Architekt*innen ein oder zweimal im Jahr eine Ausstellung zu organisieren, um „kontinuierliche Professionalität“ nachzuweisen und so bei Kunst-am-Bau-Wettbewerben zu wildern.

Dennoch richtet sich meine Kritik nicht an den Architekten. Immerhin handelt es sich um einen sehr prestigeträchtigen Ort an einer Prime Location. Wer würde dort nicht gerne seine Arbeit zeigen? Meine Kritik richtet sich an den Auslober. Warum wurde an einem so wichtigen Standort ein offener, einphasiger Wettbewerb durchgeführt? Wollte man sich die Arbeit sparen, eine Künstlerinnenliste zu erstellen? Wollte man die letzte Phase des Wettbewerbs möglichst schnell abhaken? Immerhin verfügt das Büro für Kunst im öffentlichen Raum über eine riesengroße Künstlerinnen-Datenbank. Was die Gründe tatsächlich waren, oder wer dazu animiert hat, werden wir wohl nie erfahren.

Diese Einführung bringt uns nun zum zweiten Punkt:

1. Preis, J. Mayer H. und Partner, Arch. mbB, Berlin, Südpfeil, Foto: Andreas König

Wie fair ist die Teilnahme von hauptberuflichen Architekten bei Kunst-am-Bau-Wettbewerben?
Die Kunst-am-Bau-Richtlinie wurde eingeführt, um hauptberufliche bildende Künstlerinnen zu fördern und ihre Beteiligung an öffentlichen Bauvorhaben sicherzustellen. Natürlich gibt es viele Kolleginnen, die vor ihrer künstlerischen Laufbahn ein Architekturstudium absolviert haben. Aber dennoch sind sie hauptberuflich Künstler*innen geworden und führen kein Architekturbüro mit vollen Auftragsbüchern. Sie gehen den Leidensweg der Kunst: wenig Einnahmen, kaum Aufträge und der Kampf um ein paar Kröten aus Fördertöpfen. Fördertöpfen, die inzwischen so schmal sind wie ein Fass mit sauren Gurken aus dem Spreewald. Sehr kritisch bis zu: geht gar nicht. Und das aus folgenden Gründen:

1. Zweckentfremdung des Förderinstruments
Ganz plump gesagt: Die Maßnahme „Kunst am Bau“ wurde nicht zur Förderung von Architektinnen ins Leben gerufen. Deren Leistungen werden über Honorarordnungen (HOAI) regulär vergütet. Wenn Architektinnen selbst wenn sie gelegentlich künstlerisch tätig sind, diese Fördermittel erhalten, wird der ursprüngliche Zweck unterlaufen: die Förderung bildender Kunst und Künstler*innen.
2. Wettbewerbsverzerrung. Beruflich etablierte Architektinnen haben häufig: größere Büros, bessere Ressourcen, Routine im Umgang mit Vergabeverfahren und institutionellen Netzwerken. Das führt dazu, dass bildende Künstlerinnen im Wettbewerb strukturell benachteiligt sind, obwohl diese Fördermittel für sie gedacht sind. Eine Architektin kann kreativ oder sogar künstlerisch tätig sein. Aber das ist nicht das Gleiche wie bildende Kunst im engeren Sinne.

Leider existiert bis heute keine einheitliche rechtliche Regelung für Kunst am Bau Wettbewerbe lediglich unverbindliche Leitlinien auf Landes- und Bundesebene. Zahlreiche Wettbewerbe wurden bereits von freiberuflichen Architektinnen gewonnen. Es wird höchste Zeit, ein klares Regelwerk zu schaffen, in dem die Teilnahme hauptberuflicher Architektinnen mit eigenen Büros ausgeschlossen werden. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die finanziellen Verdienstmöglichkeiten für Künstler*innen immer schwieriger werden, ist es besonders wichtig, dass diese begrenzten Fördermittel nicht in die falschen Hände geraten.