Holger Beisitzer
Werke
Schacht und Lore
"Bergmannstrost": eine Klinik, ein Kunstwettbewerb. Die Kliniken wurden 1894 von der Berufsgenossenschaft Bergbau gegründet, der Kunstwettbewerb mit selbigem Namen im Jahr 2000 ausgeschieben.
Die Installation: Ein riesiger Wandbehang aus fünfzig alten Wolldecken mit rotem Kreuz aus Bettinletts, mittels Holzpfosten unten aufgebockt, einen Durchgang schaffend: Der Schacht. Vier alte Stahlbetten auf Rädern, weiß, wie sie vielleicht so oder ähnlich als Krankenlager der Jahrhundertwende gedient haben mögen: Die Loren.
Entnahmestelle
Für das neue Mehrzweckgebäude der Maria-Sybilla-Merian-Schule in Berlin wurde eine Wandgestaltung gesucht. Entstanden ist ein Wandbild, basierend auf einem Kupferstich der Künstlerin und Namensgeberin der Schule. „Der Raupen wunderbare Verwandlung“ -so der Originaltitel- wurde zehnfach vergrößert und aus rostigem Cortenstahl gelasert.
Jedoch weist das Motiv einige Fehlstellen auf. Kreisrunde Elemente sind entnommen. Einige der Elemente tauchen an anderen Gebäudeteilen wieder auf, andere bleiben verschwunden.
Durch das Blumenmotiv erhält der Zweckbau der Mensa und Mehrzweckhalle eine festlich dekorative Ergänzung. Gleichzeitig entzieht sich der fehlerhafte Blumenkranz mit all den Insekten und in seiner rostigen Anmutung der reinen Dekoration. Wandlung und Entwicklung, Leben und Sterben werden auf unterschiedlichen Ebenen thematisiert.
"The impossibility of life in the mind of someone living
Ein Aquarium
aufgebockt über dem Asbach in Weimar.
Was ist Leben.
Ein Aufenthalt, ein Weitergehen. Unhaltbar.
In der Erinnerung bleibt
ein Leuchten.
Aber vielleicht woanders
Ein Schriftzug aus leuchtend roten Buchstaben, montiert an einem leerstehenden Gebäude dem Bahnhof gegenüber: „Aber vielleicht woanders“. Kein Punkt. Kein Fragezeichen. Nur große rote Buchstaben. Nachts leuchtend, von weitem sichtbar, kommen die Worte daher wie Werbung, wie Reklame. Doch für wen, für was, mit welchem Sinn? Die Fragen bleiben offen. Auf dem Dach nichts weiter als ein großes „Aber“, ein unbestimmtes „vielleicht“, ein unlokalisierbares „woanders“.
Homo Faber - oder die Frage nach dem Ich
Ein junger Mensch läuft durch die Innenstadt von Weimar. Vor sich her schiebt er ein Einkaufswägelchen, welches aber auch Bezüge zu einem Kinderwagen hat. Im Wagen steht eine Soldatengestalt. In halber Lebensgröße, Gewehr im Anschlag, zielt er auf seinen “Wagenlenker”.
Performance, 19.8.-24.8.2005 in Weimar
Silberstreif
Marzahn und damit auch die Marzahner Promenade leiden unter einem schlechten Ruf. Außerhalb des Bezirkes assoziiert man mit dem Namen Marzahn vor allem Arbeitslosigkeit, sozialen Abstieg und Ghettoisierung. Die Marzahner Promenade soll jedoch positiv vermarktet, ihr Ruf verbessert, der Name als neue „Marke“ etabliert werden. „Eine Imageaufwertung des Ortes ist beabsichtigter Teil der Aufgabenstellung“ und soll mit „positiven Eventqualitäten“ der Kunstwerke erreicht werden. Als Silberstreif am Horizont soll die Kunst die besseren Zeiten nicht nur ankündigen, sie soll diese Zeiten am besten auch gleich einläuten. Warum also nicht gleich diesen Silberstreif wörtlich nehmen? Den Silberstreif vom Horizont holen und uns direkt zu Füßen legen…
Abflussrinnen im Pflasterbelag durchziehen die Marzahner Promenade vor allem an den großen Plätzen. Die darüber liegenden Gitterroste sind sichtbares Zeichen des Verlaufs der Rinnen, werden jedoch von den Passanten nicht mehr wahr genommen. Bei der Aktion „Silberstreif“ wurden diese Gitterroste gereinigt, mit Silberbronze gestrichen und Silberglitter bestreut. Dazu trugen der Künstler und seine Helfer Arbeitskleidung mit dem Aufdruck „Silberstreif“. Durch die strukturierte Oberfläche der Roste ergeben sich zusammen mit der Silberbronze und dem Glitter Glitzereffekte. Wie kleine Silberadern ziehen sich die Rinnen nun durch die Promenade und legen eine eigene Struktur der Flaniermeile frei.
Mit der Betonung scheinbar unwichtiger, nebensächlicher Dinge wird die Wahrnehmung dafür geöffnet. Das Alltägliche rückt wieder ins Bewusstsein und kann in seiner Qualität neu erkannt werden. Gespräche und Diskussionen mit Anwohnern und Passanten über die Aktion wie z.B. über deren Sinn wurden Teil dieser Aktion. Ziel war es hierbei ein Nachdenken über die tatsächlichen aber auch eingebildeten Qualitäten und Probleme der Marzahner Promenade in Gang zu setzen.
Die silberne Farbe wird sich mit der Zeit abtreten. Der ursprüngliche Zustand stellt sich durch Benutzung wieder her.
Die Bedingungen der Freiheit
Die Versuchsanordnung: 100.000 Reißzwecken sollen in einer Grünanlage kreisförmig ausgebreitet werden. Der Antrag wird an die Stadt gestellt. Er enthält die Bitte, gemeinsam eine Lösung zur Realisation zu finden, welche die nötigste Sicherheit der Bevölkerung bei größtmöglicher Freiheit der Kunst bietet
Das Ergebnis: Der Antrag wird ohne Gespräch abgelehnt. Ein neuer Antrag mit Angebot eines Schutzkäfigs wird abgewiesen. Eine Anfrage nach anderen Orten wird verneint.
Entschluss: Durchführung der Installation für einen Tag ohne Genehmigung. - Polizei erscheint und droht mit Bußgeld und Beschlagnahmung der Reißzwecken im Falle der Durchführung. Unterdessen wird der Briefwechsel mit der Stadt zusammen mit den Reißzwecken im Kunstverein gezeigt.
Zeitungsartikel machen am Ende Druck: Die Installation wird für vier Stunden genehmigt: Der Künstler trägt alle Risiken.
Eckdaten
www.beisitzer.de
Installation, Medienkunst, Konzeptkunst, Performance
* 12.08.75
Vita
1975 in Wittenberg geboren
1997-2003 Studium an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle (Abschluss: Diplom)
2003/04 Gastsemester an der Glasgow School of Fine Art (DAAD-Teilstipendium)
2003-2005 Student im Masterprogramm (MFA) der Bauhausuniversität Weimar (Kunst im öffentlichen Raum und neue künstlerische Strategien, Abschluss: Master of Fine Art)