Erinnerungszeichen für die jüdischen Frauen im KZ Ravensbrück – ein Pult
Erinnern, Gedenken, Würde. Ein Ort soll geschaffen werden, um in aufrechter Haltung, mit Liedern und Worten dauerhaft zu gedenken. Dieser Ort entsteht um ein funktionales und gleichzeitig skulpturales Objekt: um ein lang gestrecktes Pult – ein Pult für mehrere Menschen. Dem Entsetzen und der bodenlosen Sprachlosigkeit angesichts der Shoah möchte ich eine Möglichkeit des Gedenkens geben und schlage dafür diese konzeptuell angelegte, skulpturale Form vor. Es greift formal Momente des ehemaligen auch jüdischen „Alltags“ im Konzentrationslager Ravensbrück auf und bezieht sich gleichzeitig auf seine heutige Umgebung, die Gedenkstätte.
Dieses Pult ist räumlich gedacht. Das Pult ist am Siemensweg ausgerichtet und greift somit auf, dass Jüdinnen mit seinem Standort „alltäglich“ verbunden gewesen sind. Es verbindet in seiner lang gestreckten Form das Lager, die bereits bestehenden Gedenkzeichen an der Lagermauer, den Schwedtsee und die Stadt Fürstenberg samt Kirchenturm. Das Pult folgt somit den Blicken auf die Stadt Fürstenberg, welchen die Zwangsarbeiterinnen auf ihrem Arbeitsweg zu Siemens an dieser Stelle womöglich erhaschen konnten. Diesem individuellen Blick Richtung Alltag wird somit eine Form gegeben, die auf die Ferne dieser beiden Orte – Lager und die Stadt Fürstenberg – verweist. Die Position des Pultes ist so gewählt, dass sich vor und um ihm ein neuer Raum eröffnet und zum Erinnern und Gedenken nutzbar wird.
Das Pult greift mit seiner horizontalen Ausdehnung die Lagermauer, die Einfassung des Massengrabes mit dem Rosenbeet und die Einfassung des DDR-Gedenkortes auf. Es verbindet somit die verschiedenen historischen Ebenen (NS-Lagermauer, DDR-Gedenken, zeitgenössische Überformungen) des Gedenkareals. Entgegen den Schornsteinen der Gaskammer und entgegen senkrechter (phallischer) Symbolik bleibt das Pult konsequent in der Waagerechten. Es erhebt sich nicht, doch es kreiert seinen eigenen Raum.
Das Steh-, Lese-, Rede- oder Gesangspult ruft wie ein Instrument vielmehr eine aufrechte Körperhaltung und eine Blickrichtung hervor. Es ermöglicht Klänge und Worte. Entgegen der Opfergruppe der Jüdinnen zur NS-Zeit besitzt dieses Pult heute somit eine Stimme, die gehört werden kann. Auch Gedenksteine, Nachrichten und andere Gedenkobjekte können auf ihm abgelegt werden und liegen bleiben. Die Präsentationsfläche des Pultes trägt gleichermaßen Gedenksteine und Notenblätter.
Die natürliche Materialität des Pultes bezieht sich auf die jüdische Gedenkkultur. Das Pult ist gedacht, um mit ihm der Toten zu gedenken – es setzt in seiner Massivität auf extreme Dauerhaftigkeit. Gleichzeitig wird das Pult über die Jahre altern und hierbei durch seine Nutzer*innen geformt.
Das Pult referiert auf das Judentum als Religion des „Buches“. Es bezieht sich bewusst und gleichzeitig sehr frei auf Rachel Withereads Memorial in Wien oder auf das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden von Peter Eisenman. Die Idee des Pultes entsteht gleichermaßen auf Grundlage der ersten jüdischen Gedenkveranstaltung in Ravensbrück – während der gesungen wurde. Das Pult greift jüdisches Selbstverständnis auf, in seiner Formsprache bleibt es jedoch gleichzeitig offen. Es greift somit die Heterogenität dieser Opfergruppe auf, die aus nationalsozialistischer Willkür heraus entstand.
Aufsteigen
Diese Straße vor dem Blauen Haus in Hongkong war einmal ein Fluss. Sie endet heute dort, wo vor ihrer künstlichen Vergrößerung das Ende der Insel war. Autos sehen hier aus wie luxuriöse Schiffe und fahren bergab.
Der Mietpreis steigt und verdrängt die Handwerke. Zwischen oben und unten, jetzt und später steht ein Objekt – zwischen Alltagsgegenstand,
Poolleiter und abstrakt weißer Plastik.
Statussymbol II
Diese dreidimensionale Zeichnung ist mit marineblauer Schiffsleine angebunden. Damit sie nicht wegläuft. Die der Verfremdung zugrunde liegende Form habe ich in einem Hamburger Reitstall entdeckt.
»Von neuem erzählt [...]«
»Von neuem erzählt […]« ist ein ortsbezogenes Objekt, welches in der Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin, im Rahmen der Ausstellung Zeitreise – von der Kaufhalle zur Kunsthalle« entstand. Künstler und Künstlerinnen
waren eingeladen, das neue Archiv dieses Ortes, welcher den innerdeutschen
Systemwechsel als Standort der Kunsthochschule Weißensee
prominent miterlebt hatte, als Idee und Anstoß neuer Werke zu nehmen.
Material: Markisenstoff (gelb-weiß, rot), Stahl (Kant- und Armierungsstahl),
Lack, Scheinwerfer (2000 Watt), Original-Schreibmaschinendokument
eines unbekannten Autors des Archivs Kunsthalle »Rotkäppchen und der Wolf - Von neuem erzählt unter der Vorraussetzung sozialistischer
Produktionsverhältnisse«
Das muss so sein
Ausstellungsareal ist das vor der Sanierung stehende Umspannwerk Kopenhagener
Straße, Berlin, dem heutigen Sitz von Zalando. Die für Berlin typischen, von Zwischennutzungen gekennzeichneten, Ausstellungsbedingungen
werden meinerseits von einer dreiteiligen Intervention verhandelt.
Material:
Part 1: rote Geranien in Kästen, Innenfenster, vor der Luxussanierung
stehendes Umspannwerk, Neonröhren, Bewässerungssystem
Warum es Wüsten gibt: Phaetons Reise und andere Metamorphosen, nach Publius Ovidius Naso in Brandenburg
Ein Künstlerinnenbuch & zwei Ausstellungen.
„Zeus‘ heiß geliebte Kuh Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Hellas et Italia, sogenannte Wiegen der Kultur, gehen in die Knie und die Nordbarbaren, die jenseits des Rheins siedeln, erteilen sogleich nach ihren höchst eigenen Regeln Rat, Fingerklopfer und wallende Hilfspakete. Hellas jedoch
droht mit Auszug.
Die Altphilologin Verena Issel und die Trabrennfahrerin Marie Luise Birkholz nehmen das aktuelle Weltgeschehen zum Anlass, die Metamorphosen
(Metamorphoseon libri: »Bücher der Verwandlungen«) des römischen Dichters
Publius Ovidius Naso (geschr. 1 bis 8 n. Chr.) neu zu interpretieren – history repeating.
Die Geschichte von Phaeton ist der Ausgangspunkt für dieses Buch: Phaeton,
der sich in maßloser Selbstüberschätzung das feurige Gespann des Sonnengottes Helios leiht und als ungeübter und leider überhaupt nicht göttlicher
Fahrer mit seinem Ausflug die halbe Welt sowie das gesamte Himmelszelt in Schutt und Asche legt. Krumme Sternbilder und Wüsten entstehen.
Marie Luise Birkholz und Verena Issel wählen mehrere tausend Jahre später zwei Kaltblüter und die ländlichen Weiten von Brandenburg, um Phaetons mythologischer, fulminant-missratener Reise im Hier und Jetzt nachzufahren.
Während alles schief geht, begegnen sie immer mehr Geschichten aus Ovids Werk. Schöner Scheitern.“
Autorinnen: Verena Issel und Marie Luise Birkholz
Textem Verlag 2015, Grafik Christoph Steinegger
Marie Luise Birkholz beschäftigt sich mit der Gestaltung des öffentlichen Raumes. Als Meisterschülerin der Bildhauerei (Kunsthochschule Berlin Weißensee) promovierte sie 2018 über die politische Intentionalität öffentlicher Freiräume (Alexanderplatz und Spreebogen) im Fachgebiet Raumplanung (Bauhaus-Universität Weimar). Urbanistik, Baukultur, Kunst am Bau /Kunst im öffentlichen Raum, Bildhauerei, Gleichstellung und Diversität sind ihre Themenbereiche. Sie war Künstlerische Leiterin am Kunstverein Harburger Bahnhof, Stipendiatin des Cusanuswerk. Zur Zeit ist sie im Mies van der Rohe Haus beschäftigt, Fachbeirätin der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum im Bezirk Berlin-Lichtenberg, Jurymitglied und Vorprüferin verschiedener Kunst am Bau Wettbewerbe. Gleichzeitig realisiert sie als Erstplatzierte des Wettbewerbs für die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ein Gedenkzeichen/Gedenkort für die dort ermordeten jüdischen Frauen.