Der Turm „schaut sich um“...
- nicht realisiertes Projekt in Zusammenarbeit mit Markus Moster, Format Architektur Köln -
... indem er die Blickrichtung auf den Archäologiepark Xanten aufnimmt. Um den Blick aus der Richtung des Turmgrundrisses auf den Archäologiepark zu wenden, ist eine Drehung der Blickachse am Standort und aus einer angenommenen Ost-West-Blickrichtung um etwa 111° notwendig. Um genau dieses Winkelmaß dreht sich das Turmrechteck in der Höhenentwicklung um eine angenommene „Wirbelsäule“, sodass die Aussichtsplattform in dreißig Meter Höhe in Richtung Xanten zeigt.
Die der Entwicklung der Turmform aus der Drehung ergibt vom Boden aus betrachtet auch aus großer Entfernung eine eindrucksvolle Verwindung, die die Form aus jeder Richtung anders erscheinen lässt. Die Ausrichtung der Bodenplatte und der Aussichtsplattform bleiben jedoch bestimmend und legen den Eindruck des „sich umschauenden Turmes“ auf die Orte Vetera I und APX fest.
Die Außenhaut des Turmes besteht aus einem Stahlgittergerüst, das einen Bewuchs mit Kletterpflanzen zulässt. Der Turm verändert je nach Jahreszeit sein Farbe.
Markus Wirtmann / Markus Moster
Kapelle am Wegesrand
Walfahrtskapelle, historisch infiziert
- nicht realisiertes Projekt -
Ich bewege mich mit der Konzeption meines Beitrages für die Skulpturbiennale-Münsterland 2005 an zwei Ideensträngen entlang, die sich beide sowohl auf das Erscheinungsbild der Region, wie es sich dem, heute meist durchfahrenden, Reisenden darstellt, als auch deren Historie, niedergelegt in Schriften und archiviert an zahlreichen Orten; der eine Strang tut dies eher beiläufig, indem er die Architektur einer kleineren Form des Sakralbaues, eben der der Kapelle, in abstrahierter Form aufnimmt und der andere Strang benutzt ganz im wörtlichen Sinn die geschriebene und archivierte Geschichte dieser Region, um sie in eine rein visuell und ästhetisch erfahrbare Struktur zu übersetzen.
Beide Stränge werden in der Skulptur schließlich zusammengeführt und verbinden sich unter Zuhilfenahme äußerer Naturereignisse, hier insbesondere der Lichtverhältnissen bei wechselnden Wetterlagen, zu einem Ganzen.
Strang eins, die Kapelle: Auffällig wird dem Reisenden die Vielzahl der kleinen Sakralbauten am Wegesrand. Kruzifixe und Heiligendarstellungen säumen die Straßen und Wegesränder und werden alle paar Kilometer durch ein kleines Kirchlein, eine Andachts- oder Walfahrtskapelle ergänzt. Zugegebenermaßen wurde ich natürlich ganz gezielt zu einigen dieser Kirchlein geschickt, um sie auf ihre Tauglichkeit und Eignung zum Kunstort oder -sujet hin zu untersuchen. Ohne weitere statistische Maßnahmen zu ergreifen behaupte ich, dass die Sakralbaudichte der kleinen und mittleren Ausformung mit der im südlichen Bayern mithalten kann.
Hier nimmt die Religionsgeschichte des Münsterlandes, die ich an dieser Stelle bestimmt nicht mehr zu rekapitulieren brauche, lebendigen Einfluss auf die Landschaft und prägt sich dem Reisenden in sein ganz persönliches retinales Geschichtsarchiv ein.
Mein Entwurf greift die Kapelle in ihrem Volumeneindruck, nicht in exakten Maßen auf. Die Höhe ist in etwa eine doppelte menschliche Körperhöhe, die Tiefe entspricht in etwa der eineinhalbfachen Höhe. Der Eindruck ist leicht klaustrophobisch, zumal die wenigen Fenster sich hoch an nur einer Seite befinden. Die Fensteröffnungen liegen weit oben und ziehen sich hinunter bis etwa auf Kopfhöhe. Man schaut nicht hinaus, sondern empor. Zumal die Fenster, wie in Kirchen, Kathedralen und Kapellen auch, nicht zum Hindurchsehen gemacht sind, sondern als Projektoren für ganz bestimmte Inhalte dienen. Aber dazu mehr im zweiten Strang meiner Ausführungen.
Ich stelle mir den Eindruck in etwa vor, wie im Kölner Dom oder im Ulmer Münster, nur auf Sparflamme – es ist ja auch nur von einer Kapelle die Rede und nicht von einer Kathedrale.
Als Material dient einfacher Sichtbeton, der in seiner Profanität die sakralen Verweise, Größe, Volumen, Fenster in Altarformation, konterkariert, aber in seiner Neutralität eine hervorragende Projektionsfläche bietet, metaphorisch und wie im folgenden ausgeführt auch ganz real.
Strang zwei, die historische Infektion: Ausgehend von einem Verfahren, das ich schon seit einiger Zeit benutze, um literarische Texte aus ihrer geistigen Vieldimensionalität zu befreien und in die zwei Dimensionen des Tafelbildes zu zwingen, werde ich drei verschiedene Texte be- und verarbeiten, um aus ihnen drei farbige Glasfenster herzustellen. Diese werden in die Fensteröffnungen der Kapelle eingesetzt.
Grundlage des Verfahrens ist die Tatsache, dass Bildinformationen am Computer codiert sind. Der durch die breite Nutzung des Internets in den alltäglichen Gebrauch übergegangene Quellcode von Bildern (und jeglicher anderen Information) ist der sogenannte ASCI-Code. Dieser besteht im Grunde aus allen uns zu Verfügung stehenden Schrift-, Interpunktions- und Sonderzeichen und summiert sich zu einer Anzahl von 256 Zeichen. Mit dieser gering anmutenden Zahl von Codierungszeichen kann man also eine Abbildung der Mona Lisa oder ein Foto-Handy-Porträt erzeugen und elektronisch übertragen. Der vom Computer zu diesem Zweck erzeugte Code, eine Art von Text, ist für den Menschen nicht so einfach lesbar und erscheint uns als wirrer Zeichensalat.
Mein Verfahren zur Infektion benutzt literarische, in diesem Fall historische Texte und schiebt sie dem Computer als Quellcode unter. Der, aus elektronischer Sicht, vom Menschen angerichtete Zeichensalat wird als vielfarbige, abstrakte und zweidimensionale Information ausgegeben - eben als Bild.
Die Auswahl der Texte erfordert mehr Zeit und Sorgfalt, als sie mir im Rahmen einer ersten Recherche zu diesem Projekt aufzubringen möglich war.
Die im Entwurf verwendeten Texte können aber als Beispielhaft für meine Auswahl in den Randbereichen des Historischen oder dessen, was in längerer oder kürzerer Zeit historisch werden wird, stehen. Nicht zuletzt beabsichtige ich, das Entstehungsdatum der Skulptur auch in einem der Texte widerzuspiegeln. Eines der Fenster muss also noch auf einen zukünftigen, im Jahr 2005 entstehenden Text warten.
Die Texte sind: Ein kurzer historischer Abriss über die Geschichte der Firma Iglo, Ein aktueller Gesetzestext (Hartz 4) und eine aktuelle Ausgabe der Amtlichen Bekanntmachungen des Kreises Borken.
Die Skulptur: Die Ausrichtung des Baukörpers erfolgt mit der Fensterseite in südlicher Richtung. Dies hat zur Folge, dass die Hauptachse der Skulptur, in Analogie zu vielen Kirchenbauten, in Ost-West Richtung zeigt. Die Seite für die Eintrittsöffnung ist nicht festgelegt und wird nach den Erfordernissen und Gegebenheiten vor Ort gewählt.
In dieser Ausrichtung wird der Innenraum der Skulptur zur Projektionsfläche für das Licht, das durch die farbigen, historisch infizierten Fenster fällt. Mit dem Sonnenlauf von Ost nach West und den wechselnden Wetterverhältnissen wird sich der Innenraum ständig verändern und zu jedem Zeitpunkt einen einzigartigen, nicht reproduzierbaren Eindruck erzeugen. Bei Nacht werden, je nach örtlichen Bedingungen, der Mondlauf und eventuell vorhandene künstliche Lichtquellen für einen ähnlichen Effekt sorgen.
Ich habe mich entschieden, den Ort für die Positionierung meiner Skulptur noch nicht definitiv festzulegen. Während meiner Recherchereise habe ich die meisten der vorgeschlagenen Orte besucht, von denen einige als Aufstellungsort in Frage kommen. Es scheint mir jedoch sinnvoll, ein geeignetes Gelände in Zusammenarbeit mit den örtlichen Verantwortlichen (und deshalb Ortskundigen) zu finden.
Rückspiegel und Pommesbude
Rückspiegel und Pommesbude
- nicht realisiertes Projekt zu „Die Elbe [in] between“ -
Ausgehend von der Feststellung, dass das Elbufer als Ort der Kommunikation, Freizeit, urbanen Nutzung aufgrund von historischen Entwicklungen in Architektur und Stadtentwicklung nicht oder nur ungenügend „angenommen“ wird schlage ich zwei Interventionen auf beiden Ufern der Elbe vor: den „Rückspiegel“ und die „Pommesbude“.
Beim „Rückspiegel“ handelt es sich um einen etwa 15 Meter breiten und 5 Meter hohen Edelstahlspiegel der auf dem, der Stadt Magdeburg gegenüberliegenden Ufer fest montiert wird. Es handelt sich dabei um einen sphärischen, also leicht gebogenen, Spiegel mit abgerundeten Ecken. Die Biegung der Spiegeloberfläche ist exakt so gestaltet, dass die Silhouette der Stadt zwischen Dom und Kloster unserer Lieben Frau, von einem Punkt aus gesehen, optisch zusammengezogen wird. Dieser Punkt befindet sich auf dem parkähnlichen begrünten Dach des Parkhauses des Allee Centers Magdeburg. In einem größeren Bereich um diesen (optisch, und in Hinblick auf die Spiegelung) idealen Aussichtspunkt ist die Elbe normalerweise nicht einsehbar. Durch das Bild, dass der „Rückspiegel“ auf dem anderen Ufer der Elbe reflektiert ist nun nicht nur die Elbe sichtbar sondern auch das Weichbild der Stadt in einem historisch wichtigen Bereich. Es bietet sich eine Art idealer Ansicht am anderen Ufer die normalerweise selten gesehen so wahrgenommen, da man sich dafür an das gegenüberliegende Elbufer begeben müsste.
Die zweite Intervention ist die „Pommesbude“, eine gastronomische Einrichtung (nicht notwendigerweise wirklich eine Imbissbude mit Friteuse) mit Freisitz oder eine kulturelle Einrichtung (Bühne für Platzkonzerte etc.) die mit einer klaren Nutzung der Uferpromenade über den Transit von Brücke zu Brücke oder das reine Flanieren hinaus, die Neugierde der Menschen weckt und zum Verweilen einlädt.
Der Aufenthalt und Verweilbereich (Freisitz) soll sich über die Ufermauer hinaus einige Meter über den Strom ausdehnen. Bei günstigem Wasserstand soll man sich also im oder über dem Strom befinden.
Die formale Klammer die die beiden Interventionen „Rückspiegel“ und „Pommesbude“ zusammen fasst ist das gespiegelte Weichbild der Stadt. Vom „idealen Aussichtspunkt“, dem Dach des Parkhauses aus wird die „Pommesbude“ am rechten Rand des „Rückspiegels“ sichtbar sein. Es werden also drei Punkte in einem größeren Bereich des Elbverlaufs in der Innenstadt thematisiert und, durch die Anbindung an einen Bereich von größter urbaner Geschäftigkeit, dem Einkaufszentrum, neu und verstärkt in den städtischen Kontext einbezogen.
Viruses vs. T-Helferzellen
Viruses vs. T-Helferzellen – Eine sportive Action-Painting-Performance
- nicht realisiertes Projekt für den Laborneubau des Robert Koch-Instituts Berlin -
Fünfzehn Millionen. Das ist der Faktor, um den man das durchschnittliche Masernvirus vergrößern müsste, bis es die Größe eines erwachsenen Menschen erreicht hätte. Umgekehrt wäre es folglich derselbe Faktor, um den man einen Menschen verkleinern müsste, wollte man es ihm ermöglichen, sich mit einem Virus Aug´ in Aug´ herumzuschlagen.
Die Tatsache, dass Viren keine Augen und Gliedmaßen besitzen – im eigentlichen Sinn nicht einmal ein Leben - möchte ich bei meiner Arbeit einmal außer Acht lassen und stattdessen das phantastische Gedankenspiel (siehe „Fantastic Voyage“, Spielfilm USA 1966) noch weiter treiben:
Berlin: Virusinfektion in Laborneubau; glücklicherweise nur Foyer betroffen.
Eine Gruppe von Erregern („Mighty Viruses“) infiziert das Robert Koch-Institut. Infektion von lateinisch īnficere, was laut Wikipedia soviel bedeutet wie hineintun und vergiften - aber auch beflecken und färben. Die Gegenspieler der Viren, die „T-Helferzellen“, treten auf den Plan, beide Parteien liefern sich eine erbitterte Auseinandersetzung.
Die vorangegangenen Sätze können als Prolog für eine Performance verstanden werden, in deren Verlauf der größteTeil der künstlerischen Arbeit realisiert wird. Die oben angesprochene Auseinandersetzung, die metaphorische Umsetzung eines mikrokosmischen Vorgangs im Makrokosmos, wird als sportlicher Kampf "um die Hoheit im Laboratorium" mit den Mitteln des sehr schnellen Mannschaftssports Paintball als Performance ausgetragen.
„Paintball ist ein Mannschaftssport, bei dem Gegenspieler mit Hilfe von Druckluft- oder Gasdruckmarkierern und Farbgeschossen markiert werden. ... Paintball hat seinen Namen durch die verwendete Farbmunition erhalten, die aus mit Lebensmittelfarbe (Paint) gefüllten Gelatinekugeln (Balls) besteht. Sie wird durch den Gasdruck einer CO2- oder Druckluftflasche mit dem sogenannten Markierer verschossen.“ (Quelle: Wikipedia)
Die Paint-Performance findet im Foyer des Laborneubaus des RKI statt und wird zwischen zwei Mannschaften von jeweils vier Spielern ausgetragen. Die rot gekleidete Erreger-Mannschaft „Mighty Viruses“ wird aus vier Künstlern, die Abwehr-Mannschaft in Blau aus vier vom RKI benannten Spielern bestehen. Im Lauf der Spielzüge wird die Architektur durch die zu erwartenden Fehlschüsse aus den Markierern mit Farbe befleckt, bemalt - infiziert. Actionpainting im buchstäblichen Sinn.
Die Performance findet unter Aufsicht und mit Hilfe eines örtlichen Paintball-Sportveranstalters statt. Die entsprechende Sport- und Schutzkleidung sowie alle Sportgeräte werden von geschultem Personal bereitgestellt und überwacht. Das Foyer wird für die Performance vorbereitet, indem bestimmte Bereiche und Einbauten in Absprache mit dem RKI vor Treffern durch die Paintballs geschützt werden.
Nachdem die Erreger hoffentlich zurückgedrängt werden konnten, wird die Untersuchung und Dokumentation des Infektionsverlaufs stattfinden. Das RKI erhält dokumentarisches Material zur Katalogisierung und Archivierung (Video-, Fotomaterial zur Verwendung im Intra- oder Internet).
Von fünf der durch die Paintball-Malerei-Performance gezeichneten Wandflächen werden großformatige Fotoarbeiten angefertigt, die exakt an den vorher fotografierten Stellen angebracht werden. Dadurch werden die Spuren dauerhaft am Ort des Geschehens dokumentiert. Die kreisrunde Form und die Rahmung in Aluminium legen die Assoziation Laborgerät, Petrischale, Mikroskop etc. nahe und verbinden die Arbeit formal mit den im Bauwerk stattfindenden Tätigkeiten.
Die verbleibenden Spuren der Auseinandersetzung zwischen „Mighty Viruses“ und „Incredible T-Helferzellen“ bleiben, in Absprache mit dem RKI, in bestimmten Bereichen der Wände erhalten, um ihre Veränderung durch Zeit und Umwelteinflüsse (Trocknen, Verblassen) zu dokumentieren und es zukünftigen Betrachtern zu erlauben, eigene Schlüsse aus der vergleichenden Betrachtung zu ziehen.
T-Spirale
Dieser Trinkwasserbrunnen, der von der Bundesbaubehörde für das Gelände der Deutschen Schule in Thessaloniki in Auftrag gegeben wurde, erfüllt eine Doppelfunktion: zum einen ermöglicht er die Entnahme von kaltem Trinkwasser, zum anderen erzeugt er aber auch Wasser, heiß genug um damit Tee zuzubereiten.
Das Wasser wird bei Betätigen der entsprechenden Armatur durch fünfundzwanzig Meter Stahlrohr geleitet, welches zu einer Spirale gewickelt und in einem günstigen Winkel zur Sonne angebracht ist. Hierbei kann sich das Wasser stark erwärmen.
Meine künstlerische Arbeit basiert auf Natur- sowie physikalischen und technischen Phänomenen, die ich in offenen Versuchsanordnungen in ästhetische Prozesse überführe und in Installationen, Bildobjekten, zeitbasierten Medien wie Film oder Video etc. erfahrbar mache.
Innerhalb festgelegter Rahmenbedingungen, die sich meist für den Betrachter sichtbar erschließen, entstehen Arbeiten, die ihre Mittel und Medien (Licht, Wasser, Vakuum, Wind …) thematisieren, daneben aber immer auch das künstlerisch-experimentierende Vorgehen offen legen.
Vita
in Aschaffenburg am Main geboren
1986-93 Studium an der Hochschule für bildende Kunst Braunschweig und der Universität der Künste Berlin
1998-04 Künstlerischer Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin
seit 2006 Lehre u.a. an der UdK Berlin, CDK Hangzhou (VR China) und der HfBK Dresden
Verschiedene Preise und Stipendien (u.a. Cusanuswerk, Worpswede, Senatsstipendium Berlin, Dix-Preis 2003, KWW-Stipendium Schöppingen)