Roswitha von den Driesch
Werke
Auf- und Rückprall Messpunkt Hammerteich
6 Stahlscheiben-Rohlinge hergestellt von der Friedr. Lohmann GmbH Witten, 6 Rückprall-Hämmerchen und 3 Displays zum Anzeigen des Härtegrades hergestellt in China, 6 Holzkonstruktionen, Abspielgeräte, Solarpanel
Der Hammerteich ist eine der ältesten Industrieanlagen in Witten. Das ist heute kaum noch zu erahnen – das ehemalige Hammerwerk ist vollständig abgebaut. Die Namen seiner Betreiber sind noch heute für die industrielle Geschichte der Region Witten von Bedeutung, so z.B. die in Witten ansässigen Stahlwerke Friedr. Lohmann GmbH. Im Laufe der Zeit hat sich die Stahlindustrie und Produktion im Ruhrgebiet verändert. Wegen der internationalen Konkurrenz werden in spezialisierten Verfahren vorwiegend hochwertige Qualitäts- und Edelstähle hergestellt. Dabei wird die Rohstahlerzeugung durch verschiedene Messverfahren kontrolliert, unter anderem durch Zerreißproben oder Rückprall-Verfahren (Härtetest).
Die Klanginstallation »Auf- und Rückprall – Messpunkt Hammerteich« greift diese Verfahren auf. Sechs Stahlscheiben-Rohlinge (hergestellt von der Friedr. Lohmann GmbH) werden jeweils mit einem kleinen Rückprall-Hammer (hergestellt in China) anschlagen. Sie bilden sechs Schlagvorrichtungen / Klangstationen, die hintereinander eine Strecke markierend, entlang des Hammerteiches positioniert sind. In einem rückgekoppelten System wird der beim Anschlagen entstehende helle Klang über ein Kontaktmikrofon aufgenommen, mittels Live-Elektronik verändert und auf die Scheibe zurück übertragen. Ihr anfänglicher Selbstklang wird beispielsweise verlängert und nach oben glissandiert, klanglich an Verbiegen von Stahl erinnernd. Oder er reisst plötzlich ab und geht dann in einen rauschhaften Klang über. Den Weg am Hammerteich zum Ort des Hammerwerkes beschreibend, produzieren diese sechs Einheiten unterschiedliche Klangfelder, die sich über die Wasserfläche und in der näheren Umgebung ausbreiten.
Andante
Die spezifische Architektur des Durchgangs zwischen Händelsaal, Schulgebäude, Hof und Haupteingang gibt bestimmte räumliche Bewegungsmöglichkeiten vor, sie sind die Grundlage für eine von uns eigens für den Ort entwickelte Wand-Notation. Sie basiert auf musikalischen Notationen, Spielanweisungen die Musiker normalerweise beim »vom Blatt spielen« akustisch umsetzen. Diese möchten wir in Bezug zu den räumlichen Gegebenheiten der Toreinfahrt auf beiden gegenüberliegenden Wänden einfügen. Personen die den Flur durchlaufen oder in ihm verweilen, befinden sich inmitten unserer Partitur. Beispielsweise ist am Eingang die Spielanweisung »As slow as possible« zu lesen, das Pausenzeichen über der Sitzfläche oder ein Zitat aus der Partitur von Beethoven »Geschwind, doch nicht zu sehr und mit Entschlossenheit« am Ausgang.
Zusammenfassend:
Worte und Zeichen (musikalische Notation) beschreiben in ihrer Abfolge an der Wand musikalische Bewegungen, Pausen und unterschiedliche Stimmungen. Durch ihre Konfiguration an der Wand entsteht ein räumlicher, architektonischer Bezug. Sie verweisen auf die Ein- und Ausgänge und beziehen Einbauten wie bspw. die Heizung (Sitzgelegenheit) und das Notausgangszeichen mit in die Notation ein.
Punktiertes Ufer
44 elektronische Einheiten bestehend aus 2 Piezo-Lautsprechern, einem Klangerzeuger, Akku und Solarpanel sind an 44 Allee-Bäumen installiert.
Als „Punktierte Umgebungen“ bezeichnen Roswitha von den Driesch und Jens-Uwe Dyffort eine Serie von Klanginstallationen, in der sie Orte durch das behutsame Hinzufügen von Klängen interpretieren, um sie so neuen Wahrnehmungs- und Deutungsformen zu öffnen. Die Sensibilisierung für die Eigenheiten eines Ortes, für seine Geschichte und Funktion und die Hervorhebung von verborgenen, oft auch vergessenen Bedeutungsschichten sind zentrale Topoi dieser Werke. Der Begriff „Punktierung“ bezieht sich sowohl auf die bildnerische wie auf die musikalische Komposition. Knopfgroße, schwarze Piezo-Lautsprecher – häufig entlang der Linienführung gegebener Architekturen installiert – bilden punktuelle, optische wie akustische Markierungen. In der Arbeit „Punktiertes Ufer“ für den Großen Garten in Herrenhausen sind sie auf ca. 400 m Länge an den Stämmen der am Rand der östlichen Graft stehenden Bäume angebracht – je drei Lautsprecher pro Baum. Zu hören sind rhythmische Folgen aus leisen Klickgeräuschen. Die repetitiven Impulse sind rein elektronisch erzeugt, erinnern jedoch an Geräusche von Insekten oder Vögeln. Musikalisch greifen sie formale Prinzipien der barocken Gartengestaltung auf. Bogenförmige rhythmische Figuren (schnell – langsam – schnell) verweisen auf die strenge Symmetrie der Gesamtanlage; kurze, den Weg entlanglaufende Akzente auf die Linearität der Allee. Von der natürlichen Umgebung, der Wasser- und Rasenfläche reflektiert, mischen sich die rhythmischen Gestalten und fügen sich als künstlerisch kommentierende Schicht subtil in die Rhythmen der Umwelt ein. (Markus Steffens)
In der Schwebe
56 Piezo-Lautsprecher (akustische Signalgeber), 56 Relais, Computer
»Mit einer Referenz auf formale, architektonische, aber auch soziale und politische Strukturen entwickelte Roswitha von den Driesch und Jens-Uwe Dyffort das Projekt In der Schwebe für die Rathaustürme der Stadt Marl 2006, für den sie den Deutschen Klangkunst-Preis erhielten. Hier ging es darum, mittels akustischer Ereignisse räumliche und ortsbezogene Relationen sowie Kräfteverhältnisse herzustellen bzw. zu verdeutlichen. In den 1960er Jahren erbaut, symbolisieren die Türme den Versuch, in Marl ein politisches und soziales Zentrum zu schaffen, das der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation neue positive Perspektiven verspricht. Geschaffen wurde ein futuristisch anmutendes Gebäude mit einer neuartigen Hängekonstruktion – ein kleines Fundament mit geringer Angriffsfläche für Bodenerschütterungen und tragendem Keil, an dem die einzelnen Geschosse »aufgehängt« sind. Die Büroetagen scheinen so über der Erde zu schweben – unter ihnen entsteht ein leerer Luftraum.
Roswitha von den Driesch und Jens-Uwe Dyffort nutzen diesen Raum, um das architektonische und stadtplanerische Gefüge ästhetisch neu erfahrbar zu machen und deren fixe Gestalt in Frage zu stellen. Dazu dienten Klick-Geräusche vieler, durch elektrische Impulse angeregter Piezo-Lautsprecher als Material. Die Piezos wurden unterhalb der ersten Etage entsprechend der tragenden 28 Hängeglieder angebracht und bildeten so etwas wie ein »multisensorales« Echolot zur unmittelbaren Umgebung unterhalb des Turmes, wo es auf verschiedenen Ebenen entweder tiefe Unterführungen, begrünte Flächen oder Parkanlagen gibt.
Die akustischen Ereignisse bzw. Klick-Geräusche dieser Installation sind vorprogrammiert und repräsentieren ein sich selbst anstoßendes und entwickelndes System, und ein stetes Ausbalancieren von wirkenden Kräften. Chaotische, schaukelnde und pendelnde Klangmuster sind zu hören, die die Türme in einem Prozess, der das Gleichgewicht anstrebt, nach erneuten Störungen immer wieder als schwankend erscheinen lassen. So hebt auch die Installation In der Schwebe die Relativität äußerlich stabiler Zustände hervor und führt ein gemeinhin waltendes Prinzip bzw. »natürliches« Chaos vor Ohren, das bestehenden Zuständen entgegenzuwirken scheint, aber auch Bedingung für Kraft, Energie und Bewegung ist.« (positionen, 70, Beiträge zur Neuen Musik, Februar 2007, Melanie Uerlings)
Zeitweiliger Wohnsitz Grünstraße 18 und 19
Vier Lautsprecherboxen installiert im ersten Stock eines Rohbaues, Abspielgeräte. Ort: verschlossener Rohbau in der Grünstraße 18 und 19, 1. Stock.
Bemerkung: Das Gebäude war für den Besucher nicht zugänglich, die Geräusche/ Klänge waren von der Straße aus zu hören.
Über die Dauer der Ausstellung konnten die Passanten, von der Straße aus, eine fiktive Familie, einen älteren Mann und eine junge Frau im 1. Stockwerk des leer stehenden Rohbaus wohnen hören. Dabei war nicht jedes Detail akustisch verständlich, sondern ein klangliches Bild vom Leben und Tagesablauf der Bewohner als akustische Atmosphäre zu hören.
Mit ihrem Projekt wollen die Künstler auf eine besonders prägnante Lücke in der Altstadt hinweisen. In ihrer Werkbeschreibung heißt es, die ehemals idyllische Altstadt zeichne sich heute unter anderem durch Abrisshäuser, Rohbauten und dadurch fehlende Bewohner aus. «Ist die Ausstellungszeit vorbei», schreiben sie, «kehrt wieder Stille in die Bauruine ein, und eine akustische Lücke bleibt zurück.«
Gewinn
21 Steuereinheiten an 21 Bäumen, eine Steuereinheit besteht aus einem oder zwei Piezo-Lautsprechern, einem Akku, und einem selbst entwickelten Steuergerät, 15 Holzpodeste
Das Gelände des ehemaligen Friedhofes der Martini Gemeinde ist umgeben von Schulen, einer Kindertagesstätte, einem Spiel- und Bolzplatz und einer Spielhalle. Während BesucherInnen des Friedhofsgeländes auf den Bänken verweilen, wird außerhalb gelernt, sich auf das Leben vorbereitet, Prüfungen absolviert, Tore geschossen, Spiele gewonnen und verloren.
Während von den Driesch | Dyffort dem städtischen Leben außerhalb des Friedhofs zuhörten, stellte sich bei ihnen ein Nachdenken über die eigene Lebensgestaltung ein, mit der Frage nach der Relevanz von Zeitplänen, Pflichten und Erwartungen und deren Erfüllung. Die Klanginstallation »Gewinn« greift diesen Gedanken akustisch und visuell auf. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis zwischen dem eigenen Empfinden von Zeit und vorgegebenen Zeitstrukturen mit Messung und effektiver Nutzung. Aus kleinen Piezo-Lautsprechern, installiert an mehreren Bäumen innerhalb des Friedhofsgeländes ist leises Ticken zu hören, zu Beginn im gleichen Tempo. Über die Ausstellungszeit driftet dieses immer mehr auseinander, so dass durch die Überlagerung der feinen Tick-Geräusche und ihren Pausierungen nicht nachvollziehbare ungeordnete Rhythmen entstehen. Das leise »Ticken« mischt sich mit den Umgebungsgeräuschen. Inmitten der Wiese, umgeben von den Tick- und Stadtgeräuschen sind 15 Sitzobjekte positioniert. Sie entsprechen in ihren Maßen einem typischen Siegerpodest: erster, zweiter und dritter Platz. Nebeneinander lässt sich die Rangordnung an den Höhen erkennen, hier in der Installation nicht mehr unmittelbar. Von Weitem wirken die abgestellten Podeste eher wie verstreute Spielsteine. Nur die signifikanten Maße und die schemenhaft erkennbaren Zahlen 1, 2, 3 lassen an gewonnene und verlorene Wettbewerbe denken.
Eckdaten
www.dyffort-driesch.de/
Medienkunst, Klangkunst, Installation