Wettbewerbsbeitrag für das Bundesministerium der Finanzen, Berlin
Realisierungssumme: 190.000,00 €
In der Natur frei gewachsen und dann vergoldet, steht als Pendant der bestehenden Stützpfeiler ein vergoldeter Honigstock in der Kantine des Bundesministeriums der Finanzen: Ein Sinnbild, das Steuerwesen und leibliches Wohl verknüpft.
Mit “Stock” bezeichnet man auch den Wohlstand eines Staates, Grundkapital, verfügbarer Wertbestand. Der Honigstock, der emsige Arbeitsrhythmus und das Zusammenleben der Bienen wird durch die Epochen immer wieder als anzustrebendes Modell für menschliche Gesellschaften gelesen. Sie bekommen im Bundesministerium der Finanzen einen Bezug zu den Mitarbeitern, und auch zu den Steuerzahlern, die in Summe die Versorgung des Staates gewährleisten, und die sich im Tausch den komplexen Regeln des Gesamtgefüges unterwerfen.
Für den Luftraum des Besuchertreppenaufgangs des neuen Archäologischen Hauses am Petriplatz sieht der Entwurf ein lichtaktives Wandbild vor. Spezielle, UV-aktive Farbpigmente sorgen dafür, dass nur am Tage ein Wurzelgeflecht in Erscheinung tritt.
Wurzeln sind Sinnbild für Ursprung, Festigkeit und Überrest. Gleichwohl bilden sie nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft eine Metapher:
Im Sinne von „Wurzeln schlagen“ stehen sie für einen kraftvollen Neubeginn, für Wachstum und für Symbiose. Eine Wurzel wächst schnell und ist anpassungsfähig, sie verankert die Pflanze am Standort und versorgt sie mit Nährstoffen. Sie symbolisiert die Verbindung zwischen unten und oben, zwischen Materie und Geist, zwischen Irdischem und Himmlischen. Ein Aspekt, der auch in der mittelalterlichen Lateinschule, auf deren Fundament das Haus entsteht, eine Rolle gespielt haben dürfte.
Das Wandbild bezieht sich auf die zukünftigen Nutzer*Innen des Gebäudes:
Archäologen, Wissenschaftler und an Stadtgeschichte interessierte Besucher. Sie forschen nachdem Ursprung. Gleichzeitig entsteht mit dem Archäologischen Haus ein Feinwurzelsystem für Informationsaustausch, Partnerschaft und Vernetzung.
Für die Innovationslounge der Atruvia AG schlage ich eine sich interaktiv verändernde Installation aus 44 Glassphären vor, die frei auf Holzstäbe geblasen wurden. Die Glasrohmasse und die drei bis fünf Eichenstäbe reagieren mit einander und verschränken sich. Beim Abkühlen entsteht daraus ein Gebilde, das wie eine hochgehaltene Denkblase anmutet. Die Ästhetik der Objekte umspannt Transparenz, Resilienz, Stärke, Balance und Individualität.
Die Installation besteht aus zwei Teilen:
Ein Ensemble aus 32 Exemplaren werden auf einem Sockel montiert, der in der Innovationslounge als Sitzgelegenheit dient. Ein ‚Treffpunkt unter dem Ideenwald‘ : zwischen Eingangsbereich und Büro markiert „Tough Glowing“ die Lounge als Ort des Gedankenaustauschs.
Als identitätsstiftendes Moment werden 12 weitere, kleinere Exemplare (Höhe max.150cm, freistehend) in einzelnen Räumen der Atruvia installiert, etwa in Meetingräumen, auf dem Dachgarten oder in Büros. Als gemeinschaftsbildendes Experiment können mit Hilfe eines Zufallsgenerators Mitarbeiter 1-3 Exemplare temporär adoptieren und innerhalb des Geländes an einem Ort Ihrer Wahl aufstellen. Die konkrete Zuordnung passiert über eine zufallsbasierte Software. Die Übergabe an den nächsten Adoptivmensch erfolgt als ‚Blind Date’ im Rahmen eines gemeinsamen Lunchs. Für den Transport wird ein Handwagen zur Verfügung gestellt.
Beschreibung
Blasen sind ein Sinnbild für geistige Sphären und kreative Schöpfung. Wieviel Gewicht hat eine Idee? Ein Gedanke kann Menschen prägen. In der Wechselwirkung prägen Menschen den Gedanken, formen ihn oder können ihn auch wieder fallen lassen.
Im Spiegel der Atruvia, einem Ökosystem innovativer Lösungen, bildet „Tough Glowing“ eine Metapher für Visionen, Teamarbeit mit flachen Hierarchien und Transparenz. ‚Blasen‘ sind ein Sinnbild für die Konzeption neuer Strukturen und Allianzen, für Wachstum mit Potential zur Symbiose — Aspekte, die in der Unternehmensphilosophie von Atruvia eine Rolle spielen, als Basismoleküle der Firmen-DNA.
Auf makroökonomischer Ebene betrachtet entstehen ‚Blasen‘ im Spannungsfeld von Marktsituationen. Ob Währungen, Wertpapiere oder Kunstwerke: ihr Wert ist ein Versprechen und setzt kollektives Vertrauen in die eigene Blase voraus. Gleichzeitig ist „spontaner Optimismus“ in vielerlei Hinsicht eine größere Triebkraft für die Wirtschaft als mathematische Regeln. Vielleicht findet sich auch etwas von diesem Optimismus in den irisierenden, an Seifenblasen erinnernden Gläsern wieder, die zwischen Verankerung und Fortfliegen in der Luft gehalten werden.
Atruvia ist ein Orchestrator einer flexiblen offenen Plattformlandschaft in einer hypervernetzten, dynamischen Welt. Wie kann man diese komplexes Gefüge darstellen? Multiplizieren wir Blasen, ergibt das Schaum. Die Metapher des Schaums, wie sie Peter Sloterdijk als alternatives Denkmodell zu „Netzwerken“ entwirft, eröffnet neue (be)greifbare Deutungspotentiale. Denn im Gegensatz von „Netzwerken“ die nicht vorstellbar sind, haben Schäume eine räumliche Dimension und können in ihrer Dichte variieren. Der Schaum umfasst auch das verbindend Trennende. Wir leben ko-isoliert, miteinander voneinander getrennt. Im Kern dieser Blase steht das Team. Um diese herum sind die Blasen orchestriert und selbstorganisiert. Wenn wir uns bewegen, versetzen wir so unsere Blase in diverse andere Blasen-Arrangements. Und immer wieder ist Trennung-Verbindung zu denken. Netzwerke lassen vermuten, dass der Ort keine Rolle spielen würde. Dabei ist Wissen immer örtlich, immer in Blasen organisiert, — auch am Standort Karlsruhe.
Bezug zur Architektur
Der vorliegende Entwurf sucht ästhetische Nähe zur Architektur. Oberflächen bestehen aus Glas, mattem Weiß und Holz. Im Aufbau trifft auch hier minimalistische Stringenz auf amorphe Freiformen. So bildet das Ensemble der Blasen in ihrer vertikalen Anordnung einen Bezug zu den bullaugenförmigen Deckenöffnungen und unterstützt die architektonische Idee von Lichtung und Luftraum.
Ein Text verlässt das Papier, verselbstständigt sich im Stadtraum und wird zu einer ununterbrochen sich schlängelnden Kreidelinie. Während man vornübergebeugt zu lesen beginnt, erweitert sich die Stadterfahrung und kommen Nachbarn über Lebensräume ins Gespräch – bis der nächste Regen die Zeichen auflöst. »Große Beiläufigkeit« ist ein performativer Exkurs, der bildende Kunst, Literatur, und Urbanismus verbindet. Dabei können die Spaziergänger:innen sehen, wie ein Monostichon entsteht: ein Gedicht, das aus nur einem einzigen Vers besteht. Wie lang kann das schon sein? Durchaus zweieinhalb Kilometer, rundherum um das Literaturhaus.
Konzept: Sophia Pompéry
Text: Tobias Roth
An der Schnittstelle von Kunst, Physik und Philosophie transformiert Sophia Pompéry Bekanntgeglaubtes, z.B. Haushaltsgegenstände, Landkarten und Messinstrumente in Parabeln. Die Kerzenflamme, die keinen Schatten wirft; das auf Dielen aufgetragene Wasser, das eine Fensterform reflektiert, ein Emailleschild mit einem tiefblauem Kreis, der am Rand metastasenartig zerfressen wird, könnte ein Vexierbild sein, entpuppt sich aber als physische Karte des Nordpols mit der Lichtverschmutzung der angrenzenden Kontinente. Maßstäbe verkehren sich zu Operationsbesteck und die fotografische Langzeitbelichtung eines leuchtenden Kinderglobus setzt alles auf Null und lässt die Erde homogen weiß erstrahlen. Wieviel Meter Mee(h)r sind 2°C? Das aktuelle Arbeitsvorhaben gilt dem Kräfteverhältnis zwischen physikalischen Gesetzen, Mensch und Umwelt.
"Reflexion, reflektieren: Diese Begriffe mit ihrer philosophischen und physikalischen Doppeldeutung des Denkens und Wiederspiegelns sind bis heute zentral für die Arbeiten Sophia Pompéry's." (Annelie Lütgens, Berlinische Galerie, Leiterin Grafische Sammlung)
Vita
1984 in Berlin, studierte Bildhauerei an der weissensee kunsthochschule berlin bei Karin Sander und Antje Majewski und war bis 2011 Teilnehmerin am Institut für Raumexperimente bei Olafur Eliasson an der UdK. 2012 verbrachte sie als DAAD-Stipendiatin in Istanbul, 2021 war sie Artist in Residence der AdK an der Villa Serpentara, 2022 erhielt Sie ein Aufenthaltsstipendium am Museum Kunst der Westküste, Föhr. Sie wurde unter anderem mit dem Mart Stam Preis, dem Diffring Preis und zuletzt mit dem Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds Bonn ausgezeichnet. Ihre Arbeiten waren ferner im Arter Istanbul, im Stedelijk Museum Hertogenbosch, in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, an der Neuen Nationalgalerie, Kunsthalle Nürnberg in der Akademie der Künste, Kunstmuseum Bonn und im Hamburger Bahnhof, Berlin zu sehen.