Neubau Der Rosa Luxemburg Stiftung
1. Rang, W.J. Beeren/Paul Petry, 262 Klinken
2. Rang und Nachrücker*in, René Daniel Sieber, Roter Stern
3. Rang, Stephan Kurr, Rosa Luxemburg
Eckdaten
Wettbewerbsart
Offener zweiphasiger anonymer Kunstwettbewerb
Teilnehmende
S. Ammon/K. Lottner
Inken Boje
Petra Gerschner
Erik Göngrich, in Zusammenarbeit mit Valeria Fahrenkrog
Hensel, Große, Göthner, Bartsch
Benno Hinkes
Erika Klagge
Stephan Kurr (3. Rang)
realities:united
Ute Richter
Nikolai von Rosen
Schneider/Labinski
René Daniel Sieber (2. Rang, Nachrücker*in)
Fachpreisrichter*innen
Henrik Mayer (Vorsitz)
Nuria Quevedo (1.Phase)
Renata Stih (2.Phase)
Maria Linares (2.Phase)
Sachpreisrichter*innen
Max Julius Nalleweg (Vorsitz, Architekt*innenvertreter)
Volker Braun (1.Phase, Schriftsteller)
Ulrike Kremeier (2.Phase, Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus)
Wettbewerbskoordination
Marie-Luise Birkholz (Assistenz)
Preisgelder
Realisierungssumme:
120.000 €
Verfahrenskosten:
50.000 €
Aufwandsentschädigung:
1.500 €
Zum Wettbewerb
Inmitten der konzerngeprägten Architektur rund um den Berliner Ostbahnhof bringt der Neubau der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine selten gewordene, nicht-kommerzielle Nutzung ins Quartier. Im Zuge dessen lobte die Stiftung einen deutschlandweit offenen, zweiphasigen Kunstwettbewerb aus, um ein künstlerisches Konzept zu finden, das ihrem gesellschaftspolitischen Anspruch gerecht wird. Aus 89 eingereichten Entwürfen setzte sich das Projekt „262 Klinken“ von Willem-Jan Beeren und Paul Jonas Petry einstimmig durch. Die Arbeit versteht sich als performatives, interaktives Netzwerkprojekt: Jede Tür des Neubaus erhält eine Klinke aus einem Gebäude einer mit der Stiftung verbundenen Institution, die wiederum eine Klinke des Neubaus erhält. Die Idee verknüpft Architektur, Austausch und Erinnerung auf subtile, humorvolle Weise. Der Wettbewerb wurde in Kooperation mit dem bbk berlin professionell umgesetzt und stieß auf großes Engagement aller Beteiligten. Die Umsetzung des Projekts ist als offener, vielschichtiger Prozess angelegt, in dem technische, gestalterische und inhaltliche Herausforderungen gemeinsam mit der Stiftung weiterentwickelt werden.
Teilnehmende
W.J. Beeren/Paul Petry
Alle 262 Türklinken des Neubaus stammen aus Gebäuden politischer und gesellschaftlicher Akteur*innen, die mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung verbunden sind. Im Gegenzug erhalten diese Partner*innen jeweils eine Klinke des Neubaus. In einer weltweiten Austauschaktion geben sich die Beteiligten so im übertragenen Sinne die Klinke in die Hand und bleiben dauerhaft in Kontakt. Die Klinke fungiert als Türöffner und macht den pluralen Charakter der Stiftung sichtbar. Ihre Geschichten stehen für Verbundenheit und ermöglichen Kommunikation „zwischen Tür und Angel“.
S. Ammon/K. Lottner
Auf drei Fassadenseiten steht in Großbuchstaben „WHAT WOULD ROSA DO?“. Die Schrift wird direkt auf die Backsteinfassade mit reflektierender Lasur aufgebracht und schimmert tagsüber hell, in Anlehnung an historische Fassadenbeschriftungen der Gründerzeit. Nachts tritt der Schriftzug durch Umgebungslicht stärker hervor und reagiert auf die Lichtinszenierung der Stadt. Die Stiftung versteht dies als reflektierende Frage an Gegenwart und Zukunft. Im Foyer können Besucher*innen Buttons mit der Aufschrift aus einem in die Wand integrierten Spender entnehmen.
Inken Boje
Schriftauszüge aus Rosa Luxemburgs „Sozialreform oder Revolution“ (1899) bilden die Grundlage. Der Text wird in einen Gedankenraum und ein reduziertes Schriftbild transformiert, das die reine Ablesbarkeit zugunsten einer freien Interpretation auflöst. Im Erdgeschoss erscheint der Name „Rosa Luxemburg Stiftung“ als Folien-Schriftbild mit Fernwirkung. Im 1. Obergeschoss umhüllt ein raumhohes Schriftbild die Bibliothek. Über den Türen stehen „Freiheit“ und „Gleichheit“, ergänzt durch Landesumrisse in Plexiglas als Verweis auf internationale Bezüge.
Petra Gerschner
Der „Rebellious Light Screen“ ist ein großflächiges LED-Outdoor-Display, das in rhythmischer Abfolge schwarz-weiße Bild- und Textcollagen zeigt und so zum gesellschaftlichen Diskurs einlädt. In seiner Form verweist es auf Transparente politischer Aktionen im Stadtraum. Gezeigt werden Motive kollektiver globaler Widerständigkeit, die Fragen von Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe verhandeln und sich gegen Ausbeutung, Diskriminierung und Zerstörung richten. Das Kunstwerk verlagert Inhalte der Stiftung nach außen, öffnet das Gebäude visuell und schafft Austausch im öffentlichen Raum. Ein wiederkehrendes X verweist auf die Architektur.
Erik Göngrich, in Zusammenarbeit mit Valeria Fahrenkrog
Der Namenszug ROSA MARIA wird dezent in den Backstein eingearbeitet und erscheint durch minimale Tiefenreduktion als Schatten. Der 47-qm-Raum ist dank Vorhängen flexibel zonierbar. Transparente Stoffe schillern nach außen, innen teilen Salonvorhänge den Raum. Mobile Elemente dienen als Bar, Podest, Bühne; X-Stützen verweisen symbolisch auf Wahlkreuze.
Hensel, Große, Göthner, Bartsch
Dem Neubau wird ein roter Polyeder entnommen, der als Leerstelle eine architektonische Irritation setzt. Als „Satellit“ wird er mobil und trägt die Stiftungsarbeit in den Stadtraum. Sichtbar vom Erschließungsgang, steht er für Austausch. Als funktionale Skulptur dient er für Lesungen, Gespräche, Workshops und schon in der Bauzeit als Infopavillon.
Benno Hinkes
Die Lichtinstallation setzt ein prägnantes Zeichen im Stadtraum aus den Worten „Rosa“, „Lux“ und dem Fragment „emburg“ und bezieht sich auf Architektur und Konstruktivismus. Der Entwurf wirkt international verständlich und reduziert auf Form und Licht. Die Fassadenschrift wird tagsüber von Sonnenlicht durchleuchtet, morgens und abends zusätzlich künstlich beleuchtet. Der Rotton entsteht partizipativ im Team und kann variieren, etwa nach Wochentagen oder Anlässen. Weißes Licht steht für Klarheit und Erkenntnis.
Erika Klagge
Auf der zeilenartigen Fassade umläuft eine rote und grüne LED-Laufschrift (ca. 25–30 cm hoch) das Gebäude. Wöchentlich wechseln sich ein Zitat von Rosa Luxemburg und ein thematisch passender Stiftungstext ab, der aktuelle politische, gesellschaftliche oder kulturelle Bezüge herstellt. Die Textlänge richtet sich nach dem Gebäudeumfang (ca. 450 Zeichen insgesamt). Die Inhalte sollen prägnant, gut lesbar und verdichtet sein. Nachts kann die Schrift zwischen 1 und 6 Uhr abgeschaltet oder in der Helligkeit zonal gedimmt werden.
Stephan Kurr
Der Name ROSA LUXEMBURG erscheint als vielschichtiges Lichtkunstwerk. „ROSA“ und „LUXEMBURG“ leuchten getrennt in klassischem Neon an Quer- und Längsseite des Neubaus. Unterschiede in Position, Farbe, Größe und Richtung erzeugen wechselnde Wahrnehmungen, wobei beide Teile zugleich lesbar bleiben. Der Ort in Berlin-Friedrichshain steht für soziale Gegensätze sowie für Geschichte zwischen Sozialismus, Kapitalismus und Clubkultur. Der Entwurf macht den Namen präsent und interveniert zugleich in ihn. In unregelmäßigen Intervallen überlagern rote Neonzeichen wie Kreuz, Linien oder Kreis kurz den Schriftzug und erzeugen neue.
realities:united
Das kreisförmige Relief auf der Westfassade ist eine abstrahierte Replik des Traggerüsts hinter dem entfernten DDR-Staatswappen des Palastes der Republik und wird nachts beleuchtet. Der leere Wappenabdruck steht für das Ende der DDR und die Zeit des Leerstands von 1990 bis 2006. An der heutigen Institution für einen „zeitgemäßen Sozialismus“ erzeugt das Zeichen bewusste Ambivalenz zwischen Kritik, Erinnerung und Deutung. Es wird als Mahnung, aber auch als offener Denkraum gelesen, der Fragen nach Vergangenheit und Zukunft der Struktur aufwirft.
Ute Richter
Der Entwurf „Nachtgras“ verzichtet auf politische Zeichen und arbeitet im Erdgeschoss mit einem textilen Vorhang im gesamten Fensterbereich. Grundlage sind Pflanzenmotive aus dem Herbarium Rosa Luxemburgs, insbesondere Bandgras und Rosenblatt als letztes eingeklebtes Fragment. Das Rosenblatt erscheint je Fassadenseite nur einmal. Das speziell entwickelte Gewebe zeigt eine silbergraue Rasterstruktur und verändert Ein- und Ausblicke im Foyer, von innen wie außen sichtbar. Der Vorhang versteht sich als poetisches, emotionales Statement zwischen Schutz, Sichtbarkeit und Transformation.
Nikolai von Rosen
Auf dem Dach des Neubaus bleibt im Stützenraster eine unvollendete, fiktive Tragstruktur sichtbar. Bündel von Anschlusseisen ragen antennengleich über die Dachkante hinaus und verweisen auf eine Arbeit, die über den Bau hinausgeht. Sie stehen symbolisch dafür, dass gesellschaftspolitische Tätigkeit erst nach Fertigstellung beginnt und in die Stadt hineinwirkt. Die künstlerische Setzung versteht Architektur als Teil eines erweiterten sozialen Raums und greift Visionen Bruno Tauts auf. Alltägliche Baustäbe werden so zu transformierten Zeichen, deren Bedeutung sich aus ihrer unerwarteten Platzierung im Stadtraum entwickelt.
Schneider/Labinski
Die Lichtinstallation bezieht sich auf die politische Plakatkunst der 1920er Jahre und verweist auf John Heartfields Motiv „Fünf Finger hat die Hand“. Eine rote Linie auf der Fassade zeichnet den Umriss einer gespreizten Hand. Nur aus idealer Perspektive erkennbar, erscheint sie sonst als freie Form. Die Geste steht für Widerstand und erhöhte Aufmerksamkeit.
René Daniel Sieber
Ein roter fünfzackiger Stern, Symbol der sozialistischen bzw. kommunistischen Weltanschauung und der Arbeiterbewegung, wird über eine Gebäudeecke auf die Attika des Neubaus gesetzt. Schräg und scheinbar „vom Himmel gefallen“ hängt er mit einer Spitze nach unten an der Kante und ist nachts beleuchtet. Das Werk lässt verschiedene Deutungen zu: als „gefallener Stern“ Rosa Luxemburgs oder als Zeichen sozialistischer Ideale, die sich am Ort der Stiftung manifestieren.